Familienbande

Wenn zwei sich finden sind sie sich erst einmal genug. Die Schmetterlinge im Bauch flattern aufgeregt und die gemeinsame Zeit ist einfach wunderbar. Jedes Zusammensein wird herbeigesehnt. Alles was der Andere tut, sagt und denkt ist einzigartig. Man vermisst nichts und niemanden. Eine Zeitlang scheint die Welt um einen herum nicht zu existieren. Aber nach und nach wird der Blick wieder weiter. Man nimmt wahr, dass das geliebte Gegenüber nicht allein in der Welt steht, dass es noch andere um ihn herum gibt. Menschen, die zu ihm, zu ihr gehören. Menschen, die dem anderen nahe stehen: Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn. Eine neue Welt tut sich auf, zu der man durch den Geliebten plötzlich dazugehört.

Auch wenn wir das vor lauter schöner Zweisamkeit manchmal vergessen: Wir sind in vielfältige Beziehungen verflochten. Beziehungen gehören zu unserem Leben. Die, die wir uns aussuchen und die, die sich einfach aus unserer Lebenswirklichkeit ergeben. Die schönen, die wir pflegen und die uns erfreuen und die, die wir als anstrengend empfinden und uns manches abverlangen. Aber trotz aller Herausforderungen, die das gemeinsame Leben mit sich bringen kann, sehnen wir uns nach Beziehungen. Nach jemand, der sich uns zuwendet. Ohne Beziehungen kränkelt unsere Seele. Kinder, die ohne Zuwendung aufwachsen nehmen Schaden. Beziehung, Zuwendung ist für uns Menschen überlebenswichtig. Warum ist das so?

Die Antwort finden wir bei Gott selbst, dem wir unsere Existenz verdanken. Er ist vom Wesen her eine liebende Gemeinschaft und diesen Wesenszug hat er in uns, die wir sein Ebenbild sind, hineingelegt. In Gemeinschaft mit ihm, dem Schöpfer, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt zu sein ist die Grundausrichtung unserer Seele. Wir sind dafür gemacht miteinander in Beziehung zu stehen.

Das war sein Ausgangspunkt und das ist sein Ziel. Er möchte, dass wir mit ihm und miteinander so eins sind wie er selbst als Vater, Sohn und heiliger Geist. Eine Intensität der Gemeinschaft, die für uns kaum vorstellbar ist. Aber allein das Bruchstückhafte, das wir jetzt schon davon verstehen, ist wundervoll. Wir spüren das in unserer Sehnsucht nach dem was wir den Himmel nennen: Leben in Gottes Gegenwart, in vollkommener Gemeinsamkeit, ohne Angst, Schmerz, Trauer und Tod. Für diese Art von Gemeinschaft gibt es für Gott keine Alternative. Auch die Entscheidung des Menschen sich dieser Gemeinschaft zu entziehen hat ihn von diesem Ziel nicht abgebracht, im Gegenteil. Er hat alles dafür getan, dass diese Gemeinschaft wieder möglich ist. Dafür ist Jesus am Kreuz gestorben und auferstanden. Er war und ist unsere Rettung. Er macht Umkehr und Heimkehr möglich.

Von dem Moment an, in dem wir in Jesus unseren Retter entdecken und unsere Liebesbeziehung zu ihm beginnt gehören wir nicht nur zu ihm, sondern werden Teil seiner Familie. Wir bemerken: Gottes Familie ist viel größer als uns bewusst war. Und seine Vorstellung von Familie umfassender. Wir sind mittendrin. Jetzt gilt es die Beziehungen zu gestalten. In einem Gespräch wird Jesus gefragt, was am Wichtigsten ist. Er antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft lieben. Und deinen Nächsten wie dich selbst“.

Was uns im ersten Moment als fast unmögliche Aufforderung erscheint zeigt sich bei genauerem Hinsehen als Beschreibung wie umfassend Gott liebt. Es ist ein Blick in sein Herz. Und er lädt uns ein daran teil zu haben. So intensiv, so vollständig, so heilsam zu lieben und geliebt zu werden. Wieder zu sein was wir sein sollen: Liebende.

Damit tut sich seine Welt für uns auf. Und zu dieser Welt gehöre nicht nur ich, sondern auch immer die Anderen. Die, die Jesus die Nächsten nennt. Alle. Die, die schon zu ihm gehören ebenso wie die, die auf Abwegen unterwegs sind. Die, die er finden will.

Gottes Ziel ist die Wiederherstellung der Menschheitsfamilie. Für ihn ist jeder Mensch ein geliebtes Familienmitglied. Wertvoll und wichtig. Dessen Anwesenheit und Mitwirkung unverzichtbar ist. Jeder, der bislang lieber sein eigenes Ding machen wollte, nichts mit ihm zu tun haben wollte, ist eingeladen wieder seinen Platz in der Familie einzunehmen. Ja, er wird schmerzlich vermisst, wenn er fehlt. Wird gesucht und gefunden, wenn er sich finden lassen will.

Gott sei Dank beginnt Gottes Liebe immer vor unserer Liebe. Er hat auch uns schon geliebt als wir noch nichts von ihm wissen wollten.Wenn wir anfangen die Wirklichkeit immer mehr mit Gottes Augen zu sehen, wenn wir uns von ihm beibringen lassen, wie Liebe aussieht, werden nicht nur wir selbst heil, sondern auch unser Blick für den anderen. Beziehung beginnt immer damit, dass wir liebevoll auf unser Gegenüber schauen.

Zu Jesus zu gehören und ihm nachzufolgen bedeutet diese Art von Liebe zu lernen. Liebe, die dem anderen wohlmeinend und dienend begegnet. Die bereit ist sich hinzugeben, sich auf den anderen einzulassen, zu trösten und beizustehen, zu ermutigen und zu beraten. Die gerne vergibt und um Vergebung bittet. Und bereit ist zu teilen was sie hat, ganz praktisch, aber auch die beste Nachricht der Welt: Jesus rettet, es gibt einen Neuanfang und eine Zukunft. Er macht unser Leben neu. Bei ihm finden wir unsere Heimat.

Es gibt nichts Besseres als die Familienbande.

Nachzulesen u.a. in Markus 12,28 – 34, Johannes 17, Epheser 2,19, Offenbarung 21, 3-4