Im Notfall kann man gute Freunde zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen: „Hilfe, ich brauche dich! Bitte, lass alles stehen und liegen und komm“. Und sich dabei sicher sein, dass die oder derjenige alles möglich machen wird, um da zu sein, zu helfen, beizustehen.
Die vier waren so gute Freunde. Sie haben die letzten Jahre viel Zeit miteinander verbracht. Zusammen gegessen, gefeiert, schöne und schwierige Momente miteinander erlebt, sich gegenseitig ermutigt und aufgebaut. Einander gedient. manchmal mit Worten, manchmal ganz praktisch mit einem Essen und einem warmen Bett. Intensive Gemeinschaft – gute Freunde eben.
Und dann wird einer von ihnen krank. So krank, dass er nicht nur dringend Hilfe braucht, sondern noch nicht einmal mehr selbst um Hilfe bitten kann. Die beiden, die in seiner Nähe sind, tun alles, was sie können, um ihm beizustehen. Aber irgendwann sind sie mit ihren Möglichkeiten am Ende. Und sie rufen den Vierten im Bunde um Hilfe, der gerade verreist ist. Er kann und wird helfen, er hat die notwendigen Fähigkeiten, das wissen und darauf vertrauen sie.
Aber obwohl der Gerufene die Nachricht erhalten hat vergehen die Tage. Der kranke Freund wird immer schwächer und schließlich stirbt er. Statt der Ankunft des lebensrettenden Freundes gibt es eine Beerdigung.
Diese Geschichte finden wir im elften Kapitel des Johannesevangeliums. Es geht um Maria, Martha, Lazarus und Jesus.
Eine Geschichte, die auf den ersten Blick eine einzige Zumutung zu sein scheint. Jesus, hallo, wie kannst du deine besten Freunde so hängen lassen? Die immer für dich da waren. Wie kannst du dir Zeit lassen, mit Absicht abwarten, anstatt alles stehen und liegen zu lassen und deinen Freund Lazarus wieder gesund zu machen. Der, den du lieb hast! Du hast gewusst, dass Lazarus sterben wird, wenn du nicht kommst. Wie kannst du nur?
Was in diesen Tagen in Lazarus, Maria und Martha vorging können wir nur ahnen. Wie sind sie umgegangen mit ihrer Sorge, ihrer Angst, ihrem Schmerz? Mit der Ungewissheit, dem bangen Warten, der Ohnmacht gegenüber dem Tod? Wie standen sie einander bei? Wie sprachen sie sich Mut zu? Wie haben sie das ausgehalten?
Als Jesus vier Tage nach der Beerdigung endlich eintrifft, scheint es erstaunlicherweise so, als würden Martha und Maria ihn trotz alledem willkommen heißen. Wenden sich ihm zu statt ihn enttäuscht abzuwehren. Auch wenn sie überzeugt sind, dass Lazarus noch leben würde, wenn Jesus rechtzeitig da gewesen wäre, machen sie ihm keinen Vorwurf. Er ist immer noch ihr Freund, den sie traurig begrüßen. Ihr Vertrauen in ihn scheint ungebrochen, trotz der schweren Tage. Warum? Sie hätten das Recht wütend auf ihn zu sein. Enttäuscht. Verletzt.
Aber sie kennen ihn gut genug. Sie vertrauen ihm. Sie zweifeln nicht an seiner Liebe. Und sie wissen, wer ihr Freund ist: der Messias, der Retter, der in die Welt kam. Das ist ihnen ganz klar. Deshalb haben sie Hoffnung. Hoffnung, dass trotzdem alles gut wird. Wenn nicht jetzt, dann ganz sicher am Ende.
Wie ist das mit uns? Was entdecken wir in uns, wenn wir in Bedrängnis geraten und Jesus es uns trotz unserer Hilferufe zumutet, dass sich unsere Situation nicht oder erst mal nicht verändert. Wenn wir nicht geheilt werden, unsere Familiensituation schwierig bleibt, es in unserem Leben anders kommt als wir es gerne hätten, der gewünschte Job, der ersehnte Partner, das Kind, ausbleiben oder all das auf sich warten lässt? Er uns vielleicht sogar den eigenen oder den Tod eines Angehörigen zumutet? Entdecken wir dann, dass wir ihm trotzdem vertrauen, ja, dass er vielleicht sogar der Einzige ist der uns noch vertrauenswürdig erscheint? Erkennen wir unsere eigene Ohnmacht? Entdecken wir im ständigen verzweifelten Haltsuchen, wie sehr wir ihn brauchen? Dass er uns trotz allem liebt? Kennen wir ihn gut genug? Ist er für uns immer noch der Freund und Retter für den wir ihn bisher hielten? Treibt uns unsere Sehnsucht und Verzweiflung immer tiefer in seine Arme oder wenden wir uns ab? Sind wir fertig mit so einem Gott oder bereit ihm auch dann zu vertrauen, wenn es schwierig oder sogar existentiell wird? Ist er unsere Hoffnung, jetzt und für immer? Erträgt unsere Freundschaft diese Zumutungen?
Wenn es ans Eingemachte geht entdecken wir, wie es in uns aussieht. Wie es um uns und unser Verhältnis zu Jesus steht. Nie zeigt sich unsere Beziehung realer als in diesen Zeiten.
Johannes berichtet uns wie Jesus bewusst zwei Tage verstreichen lässt, bevor er sich auf den Weg macht. Aber auch, dass Jesus seine Freunde liebt und mit ihnen leidet. Und dass durch die Krankheit von Lazarus Gottes Herrlichkeit offenbart werden soll. Damit meint er keine Allmachtsspielchen oder ein Imponiergehabe Gottes, sondern welche Herrlichkeit Gott für die Menschen bereit hält. Und so ruft Jesus Lazarus ins Leben zurück. Ein Wunder, für das seine Freunde dankbar und voller Freude sind.
Aber es ist darüber hinaus ein Zeichen und ein Versprechen. Sein Ziel ist, dass alle Menschen erkennen, dass Gott ihnen einen Retter gesandt hat. Als eine lebendige Hoffnung auf ein ewiges Leben in Gottes Familie. Eine Hoffnung, die im Jetzt beginnt und die über den eigenen Tod hinaus trägt. Denn trotz seiner Auferweckung wird Lazarus irgendwann sterben. Wie jeder Mensch. Aber gerade dann gilt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt Jesus, wer an mich glaubt wird leben auch wenn er stirbt.“
Nicht lange danach ist es Jesus selbst, der leidet und am Kreuz stirbt, um die Menschen auf ewig mit Gott zu versöhnen. Dafür ist er gekommen. Durch sein Sterben und Auferstehen löst er das Versprechen ein. Nur dadurch wird möglich, dass die, die zu ihm gehören, nicht im Tod bleiben werden. Er selbst mutet sich diesen Weg zu – aus Liebe zu uns. Ein Weg des Leidens, der völligen Hingabe und des Sterbens. Und des völligen Triumphs über den Tod. Nach drei Tagen ersteht er wieder auf. Damit wir leben können, mit ihm – jetzt und in Ewigkeit.
Bleibt die Frage, warum er das gerade seinen engsten Freunden zumutet. Den Menschen, die so etwas wie eine Familie für ihn sind. Weil er sich sicher war, dass sie mit dieser Zumutung umgehen konnten? Weil er wusste, dass sie ihn liebten und ihm vertrauen? Vermutlich beides. Aber auch deshalb weil er ihnen vertraut. Weil er ihnen zutraut, dass die Beziehung hält. Weil er ihnen zutraut, dass sie auch jetzt, in dieser Situation, mit ihm Zeugen seiner rettenden Botschaft sein werden.
Es ist das gegenseitige Vertrauen, das trägt. Das Wissen, dass wir zueinander gehören. Wir zu ihm und er zu uns. Gott sei Dank erleben wir gemeinsam auch sehr viel Gutes. Sind auch in guten Zeiten durch ihn und mit ihm Überbringer der Hoffnung. Aber auch durch solche Zumutungen vertraut er uns seine gute Nachricht an. Um all denen seine Hoffnung weiterzugeben, die sie am meisten brauchen: den Kranken, den Leidenden, den Fragenden, den Hoffnungslosen. Oft mit wenig Worten, sondern dadurch wie wir unseren Weg durch die schweren Zeiten des Lebens hoffnungsvoll gehen können.
Dann wird aus einer Zumutung Mut zum Leben.
Nachzulesen im Johannesevangeliums, Kapitel 11

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