Er hatte einen konkreten Auftrag erhalten. Und eigentlich war schon von Anfang an klar, dass es keine Alternative gab. Aber er versuchte es trotzdem und schlug erst mal die entgegengesetzte Richtung ein. Nur weg hier und Gott würde vielleicht einen Anderen schicken. Denn dieser Auftrag konnte doch wohl nicht sein Ernst sein. Das nächstbeste Schiff war gerade recht. Ich bin dann mal weg! Als der Sturm aufkommt, schläft er noch ganz entspannt in seiner Kabine. Aber schließlich wird die Situation so verzweifelt, dass die Seeleute ihn wecken. Sie fordern ihn auf zu beten. Erst als er den Matrosen erklärt, wer er ist und was er hier tut, wird Jona klar, dass Gott hier seine Hand im Spiel hat. Und er trifft eine Entscheidung: Er lässt sich von der Schiffsmannschaft ins Meer werfen. Das war es dann also.
War es das? Nein, ein Fisch fungiert als antikes U-Boot, das ist seine Rettung. Hier, in der Tiefe des Meeres, wird ihm Gottes Gegenwart und Gnade neu bewusst. Nach drei Tagen spuckt ihn der Fisch an den Strand. Kaum sitzt er im Sand wiederholt Gott seinen Auftrag: „Geh nach Ninive und bringe ihnen meine Botschaft: Die Stadt wird in 40 Tagen zerstört werden!“ Und dieses Mal geht Jona hin. Er beginnt zu predigen und seine Worte sprechen sich überall herum. Zu seinem großen Erstaunen fangen die Niniviten an, Gott zu glauben. Sie kehren um, wenden sich Gott zu und gehen als Zeichen hierfür in Sack und Asche. Sie meinen es ernst mit ihrer Umkehr. Und Gott verschont sie.
Da ist Jona richtig sauer. Er beschwert sich lautstark. Seine Enttäuschung ist so groß, dass er genug hat vom Leben. Was hat er nicht alles durchgemacht, um diese Botschaft nach Ninive zu bringen! Hätte er da nicht gemütlich zu Hause bleiben können? Aber dann überrascht ihn Gott mit einem interaktiven Gleichnis.
Was ist da eigentlich los mit Jona? Er ist doch ein Prophet des Herrn, einer, der dazu berufen wurde, Gottes Willen weiter zu geben. Gottes Reden in die Geschichte hinein zu sprechen. Einer, der Gottes Handeln bereits erlebt hat. Der eigentlich weiß, wie er seinen Gott einschätzen muss.
Einige Jahre zuvor hat Jona König Jerobeam II in Gottes Auftrag vorausgesagt, dass er Gebiete für Israel zurückerobern werde. Und das geschah so. Trotz eines Königs, der von Gott nichts wissen wollte, handelte Gott, um sein Volk zu bewahren. Jona kannte Gottes Macht und Wirken aus eigener Erfahrung. Trotzdem entscheidet er sich schnell dafür Gottes Auftrag, nach Ninive zu gehen, nicht Folge zu leisten. Er ist nicht bereit sein Leben in einer feindlichen Umgebung zu riskieren. Soll Gott die Niniviten doch einfach so auslöschen. Oder wenn er sie zur Umkehr rufen will, könnte er das ja schließlich auch ohne ihn. Was gehen ihn seine Feinde an?
Als Gott ihn auf dem Schiff stellt, wird die Angelegenheit persönlicher. Er und die Seeleute stecken zusammen in einer lebensgefährlichen Situation. Die Männer, mit denen er unterwegs ist, sind aber auch keine Israeliten, sondern beten andere Götter an. Erstaunlicherweise ist Jona hier bereit sein Leben zu geben, damit das Schiff und die Mannschaft gerettet werden können. Vielleicht spielt auch der Gedanke mit: Lieber tot als Ninive. Und trotzdem: Als Jona im Meer versinkt und der Sturm endet werden die Seeleute von tiefer Ehrfurcht ergriffen und wenden sich Gott zu.
Als Gott ihn vom sicher geglaubten Tod rettet, ist Jona voller Dankbarkeit. Er versteht, dass Gott seine einzige Hoffnung ist. Nur er kann Leben retten. Er erkennt die Macht, aber auch die Barmherzigkeit Gottes. Das lässt ihn jetzt nach Ninive gehen. Lässt ihn reden, inmitten der Feinde. Erlebt, dass Gott ihn auch hier beschützt. Dass die Menschen bereit sind, auf Gottes Botschaft zu hören. Trotzdem ist er sauer, als Gott die Stadt verschont.
Jona hat durchaus schon etwas ganz Wesentliches verstanden: Sein Gott ist ein Gott des Mitleids mit den Menschen. Das Volk Israel hat das unzählige Male erlebt. Das wirft er ihm sogar vor: „Ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, dass du geduldig und voller Gnade bist, weil du das Unheil bedauerst.“ Gerne hat das Volk Israel das immer wieder für sich in Anspruch genommen. Auch Jona selbst. Gerade noch in der Tiefe des Meeres. Ja, so ist Gott. Aber kann das wirklich bedeuten, dass das auch für die Niniviten gilt? Für die Feinde Israels.
Und das waren sie doch ohne Zweifel. Kann die Umkehr daran etwas ändern? Und so wartet er ab, ob nicht doch noch etwas passiert. Setzt sich auf einem Logenplatz über der Stadt zurecht.
Hier beginnt Gottes Gleichnis. Er lässt für Jona in Rekordzeit einen Busch wachsen, der ihm Schatten spendet. Darüber freut sich Jona sehr. Aber schon bald sorgt Gott dafür, dass der Busch verdorrt. Eine Winzigkeit von Wurm reicht aus und schon ist Schluss mit dem biologischen Sonnenschirm. Jetzt ist Jona richtig sauer. Nichts läuft so, wie er es sich gedacht hat. Er versteht gar nichts mehr. Was ist los mit Gott?
Da spricht ihn Gott an. Macht ihm klar, dass er einen entscheidenden Punkt aus den Augen verloren hat: Gottes Gnade, seine Liebe und sein Mitleid gelten allen Menschen, die sich ihm zuwenden. Der Auftrag von Gottes Volk war von Anbeginn an, durch ihre Zugehörigkeit zu ihm, ein Licht zu sein. Nicht ein Licht, in dem es sich selbst sonnt, sondern ein Licht, das anderen den Weg zu Gott weist. Sich das Mitleid Gottes zu eigen macht. Ganz kurz ist das bei Jona auf dem Schiff passiert. Auch im Bauch des Fisches war es ihm wieder klar. Eigentlich weiß er darum. Doch dann hat ihm seine Vorstellung von Gerechtigkeit den Blick wieder verstellt und er sah nur die Feinde, nicht die Menschen. Sah nur sich selbst und seine Bedürfnisse, nicht die Verlorenheit der Anderen ohne Gott. Wurde sein schattenspendender Busch für ihn wichtiger als die Not in seinem Sichtfeld. Sein Selbstmitleid hindert ihn daran, Gottes Willen zu erkennen. Es lässt ihn gnadenlos werden.
Gott spricht auch zu uns mit dieser Geschichte: Gottes Mitleid ist kein Selbstmitleid. Im Gegenteil: Sein Mitleid war von Anbeginn an so groß, dass er, um Gerechtigkeit zu schaffen, seinen Sohn Jesus am Kreuz sterben lassen wird. Er hat sein Leben für uns gegeben, damit wir zu Gott gehören können. Weil er möchte, dass wir mit ihm eins sind. Geliebt und gerettet.
Und ohne dass Jona davon weiß, wird seine Geschichte zum Zeichen. Jesus selbst nennt es das Zeichen des Jona, als er von seinem Sterben und Auferstehen nach drei Tagen spricht. Wenn wir zu Jesus gehören, bedeutet das vom Tod zum Leben zurückzukehren, durch Gottes Gnade. Um dann voller Hoffnung für uns und andere sein zu können. Voller Mitleid mit allen, die diese Liebe noch nicht kennengelernt haben.
Es bedeutet, dass wir dann Gesandte sind. So wie Gott Jona sendet, um die Niniviten zur Umkehr zu rufen, so sendet Jesus seine Jünger aus. Um den Menschen die gute Nachricht zu verkünden, dass es einen Weg gibt, zu Gott zurück zu kehren. Dass Rettung für jeden möglich ist, der zu ihm umkehrt, der zu ihm gehören will.
Wie viel Jona steckt in jedem von uns? Sind wir nicht voller Freude in Gottes Arme gelaufen, als wir ihn erkannten? Nehmen wir nicht gerne und selbstverständlich seine Nähe und Sorge für uns selbst, unsere Familie, unsere Gemeinde, in Anspruch? Erwarten sein Kümmern und seinen Segen erst einmal für uns? Hauptsache bei mir, bei uns, läuft es gut. Und am besten ohne Unannehmlichkeiten und Herausforderungen. Und steckt nicht immer noch der Gedanke in uns, dass wir trotz Gottes Handeln dafür sorgen müssen, dass wir ja nicht zu kurz kommen? Dass es so laufen soll, wie wir denken? Dass wir es besser wissen? Haben wir vor allem mit uns selbst Mitleid? Selbstmitleid, das auch uns gnadenlos werden lässt?
Verstehen wir wirklich, dass Gottes Mitleid groß genug für alle Menschen ist? Dass er am besten weiß, was wir brauchen? Sind wir dankbar für sein Mitleid mit uns und gerade deshalb bereit gesandt zu werden? Wollen wir Teil von Gottes rettendem Mitleid sein? Mitleid, das uns handeln und reden lässt? Dass das Gute nicht für sich selbst behalten will, sondern teilt. Das bereit ist, über die eigenen Befindlichkeiten hinweg zu schauen und nicht in der eigenen kleinen Idylle stecken bleibt?
Je mehr wir unser Selbstmitleid aufgeben und uns Gottes Mitleid anvertrauen, desto mehr werden wir selbst Mitleid haben. Aktives Mitleid, das aus dem Wissen um Gottes Gnade wächst. Das macht uns zu Hoffnungsträgern von Gottes guter Nachricht. Das ist unser Auftrag.
Nachzulesen in Jona, 1-4, 2.Könige 14,25, Matthäus 12, 39 – 41

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