Hatte nicht gerade noch die Sonne geschienen? Erschreckend schnell türmen sich immer mehr Wolken auf. Der Himmel verdunkelt sich und plötzlich geht es los: Unaufhörlich prasselt der Regen. Gleichzeitig steigt das Grundwasser nach oben. Der Wasserpegel steigt und steigt. Wochenlang, alles überflutend, alles vernichtend. Die Tiere, die Pflanzen, die Menschen, sie alle verlieren ihr Leben. Zumindest fast alle. Wenn wir die Geschichte von Noah lesen, steht uns zuerst dieses krasse Bild vor Augen: Die ganze Erde bedeckt mit Wasser und damit die vollständige Zerstörung von allem, was bisher war. Nur diese kleine Arche treibt wie eine Nussschale auf dem gewaltigen Wasser. Die Geschichte erwischt uns mit voller Wucht. Wie kann es sein, dass Gott so an seiner Schöpfung handelt?
Noah und seine Familie sind unser Hoffnungsschimmer. Er war doch der Gerechte. Ihn hat Gott gerettet. Weil er Gott vertraute und die Arche baute. Und das war auch so. Und ja, das war damals alles andere als selbstverständlich. Denn die Menschheit wollte nichts wissen von einem Gott. Sie waren sich selbst genug. Feierten sich und ihre Macht. Ließen es sich gut gehen, während Noah Stämme schleppte, aufschichtete, abdichtete, Nahrung heranschaffte und Tiere einsammelte. Hielten ihn vielleicht für einen Spinner, denn für was sollte so ein Kasten nütze sein, wenn weit und breit kein Wasser in Sicht ist?
Noah, so scheint es, entspricht in allem dem Idealtyp des Menschen. Keine Zweifel während der langen Bauzeit. Immer fleißig, gehorsam und standhaft. Hat sich nicht abbringen lassen. Hielt sich genau an Gottes Plan. Hielt sich zu Gott. Glaubte ihm. Wurde zum Vorbild für die Menschheit. Kaum eine Geschichte, die schon Kindern so oft erzählt wird wie die von Noah. Eine Geschichte, in der wir die Gegensätze so klar sehen können: Die böse gottlose Menschheit, die den Tod findet und der gerechte Noah, der gerettet wird. Sensationell. Und irgendwie stimmt das ja auch.
Aber wenn wir ein bisschen genauer hinschauen, uns nicht vom Bild der Flut wegspülen lassen, entdecken wir etwas, dass für die Geschichte von Gott und den Menschen nicht weniger sensationell, aber auf den ersten Blick vielleicht nicht so offensichtlich ist. Dazu müssen wir dem Rahmen, in dem das schöne bunte Arche-Noah-Bild steckt, Beachtung schenken. Damit fügt sich alles zusammen:
Wenn wir auf den Anfang der Menschheitsgeschichte zurückblicken erinnern wir uns, dass die Menschen und Gott jetzt getrennte Wege gehen. Der Mensch wollte das so. Der Bruch ist endgültig. Irgendwie scheint noch ein Bewusstsein für Gott da zu sein, denn irgendwann fangen sie an ihm zu opfern. Und es gibt vereinzelte Kontakte mit ihm. Nur von einem Menschen vor Noah lesen wir, dass es enge Beziehung mit Gott gab.
Das Resümee fällt deshalb vernichtend aus: Die Menschen sind durch und durch böse und Gott bedauert, dass er sie gemacht hat. Er beschließt einen Neuanfang, dem gleichzeitig das Ende des Alten vorausgeht. Mit Noah wird es neu beginnen, auch mit den geretteten Tieren. Alles frisch gewaschen, das Böse weggespült? Wirklich? Alles neu? Nein, denn der Bruch des Sündenfalls steht nach wie vor im Raum. Noch nie war es möglich sich durch sein Verhalten, seinen Gehorsam, seine Verdienste ein neues Leben zu schaffen. Es ist nicht der Mensch, der sich hier verändert. Nicht ihn schafft Gott neu.
Nach der Flut, als Noah, seine Familie und die Tiere die Arche verlassen haben, schließt Gott einen Bund mit Noah und allen zukünftigen Menschen. Es ist eine freiwillige Selbstverpflichtung, die Erde und ihre Bewohner nicht mehr zu vernichten, obwohl sie böse sind. Das ist die eigentliche Sensation, der eigentliche Neuanfang: Nicht der Mensch wandelt sich, sondern Gott zeigt uns, dass er aus Liebe zu uns Menschen bereit ist, sich zu wandeln. Er, dem alles untertan ist, dem alles möglich ist, dieser Gott zeigt uns, dass er bereit ist, sich selbst zu beschränken: Er gibt etwas von seinem göttlichen Wesen auf, um die Menschheit zu retten. Um unseretwillen. Er ist bereit, sein Leben weiterhin mit den Menschen zu teilen. Bereit in Zukunft für und mit den Menschen zu leiden. In den bunten Farben des Regenbogens leuchtet uns seine Gnade auf.
Im Angesicht der Flut fällt es uns nicht so leicht, hier den Fokus auf Gottes Heilshandeln zu richten. Aber gerade das sehen wir hier. Noah wird nicht gerettet, weil er alles richtig macht. Er ist und bleibt sündiger Mensch. Er wird gerettet, weil er glaubt. Seiner Rettung geht Gottes Heilshandeln voraus. Was uns als Gericht erscheint, ist der Wegweiser zum Leben. Gott lässt uns sehen, dass er gnädig ist. Deshalb kann Noah überhaupt Gnade vor Gottes Augen finden. Nur so ist Gemeinschaft möglich. Glaube und der daraus folgende Gehorsam ist immer die Antwort auf Gnade. Nur wenn Gott selbst Gerechtigkeit schafft, kann der Mensch gerecht werden.
Der Mensch kann nichts ändern an seiner Schuldhaftigkeit, auch nicht wenn er sich Gott zuwendet. Aber Gott kann, will und wird etwas daran ändern, wenn wir unser Heil bei ihm suchen. Das hat er uns versprochen. Damit kann Glaube beginnen.
Der Neuanfang mit Noah wird uns damit zum Schaufenster für Gottes Heilsabsicht. Schon als Gott die Welt und die Menschen erschuf, tat er das in dem Bewusstsein seiner Hingabe. Aus Liebe zu den Menschen, die er in seine Gemeinschaft rufen wird. Ein Gott, der sich selbst hingibt, damit Vergebung und Neuanfang möglich ist. Der die gemeinsame Geschichte von Gott und Mensch bereits im Angesicht des leidenden und sterbenden Christus beginnt. Der der Garant dafür ist, dass das sehr gut der Schöpfung lebendig bleibt. Ein Gott, der den Bogen als Erinnerung für sich selbst in die Wolken malt. Ein gnädiger Gott.
Überall können wir seine Gnadenbotschaft entdecken. Schon mit dem Bau der Arche schafft Gott ein Zeitfenster zur Umkehr. Mit jedem Balken, den Noah setzt, ruft er seinen Zeitgenossen zu sich vom Bösen ab und Gott zuzuwenden. Zu allen Zeiten, in jeder Generation ertönt Gottes Ruf. Unaufhörlich. Sein Wort und die Weltgeschichte berichten uns davon, dass es immer Menschen gibt, die ihm vertrauen und auf ihn hinweisen. Denn es geht immer um Leben und Tod. Auch heute. Was uns bei der Flut so krass erscheint, ist eine Realität. Ohne Gott werden wir endgültig sterben, mit oder ohne Flut. Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist Jesus selbst.
Wenn Gott nur an sich selbst denken würde und seinen Geist und seinen Lebenshauch wieder zu sich zurückziehen würde, würde alles Leben erlöschen und die Menschheit würde wieder zu Staub werden. Aber Gott ist gnädig. Weil er will und weil er liebt.
Wir sind gerufen aus dieser Gnade zu leben. Gottes Hand zu ergreifen. Um in die Gemeinschaft mit ihm zu kommen. Durch ihn, den gnädigen Gott, unseren persönlichen Neuanfang zu leben. Und in der Erkenntnis dieser Gnade zu glauben und zu handeln. So wie Noah.
Es ist Gnadenzeit. Siehst du den Regenbogen?
Nachzulesen in 1.Mose 6-9; Johannes 3,16+17; Epheser 1,5; Hiob 34,14

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