Kindereien

Hatten sie gerade richtig gehört? Konnte das wirklich sein, dass sie mal wieder falsch lagen mit ihrer Einschätzung? Sie haben schon allerhand erlebt, was ihr Denken auf den Kopf gestellt hat, seit sie mit ihm unterwegs sind. Und sie hatten es doch nur gut gemeint. Wollten sicherstellen, dass er das tun konnte, was er immer tat, wenn er in einen neuen Ort kam. Wie schon so oft war fast die ganze Bevölkerung zusammen gekommen, um zu hören, was er zu sagen hatte. Klar, auch die Kinder sprangen durch die Menge, spielten Fangen um die Beine der Erwachsenen, wuselten überall herum, quietschten, lachten, hüpften. Neugierig schauten sie die Fremden an, manche vorwitzig, manche schüchtern hinter den Eltern versteckt. Aber dann gingen einige Eltern mit ihren Kindern näher an Jesus heran. „Bitte, Meister“, sagten sie, „segne unsere Kinder.“ Das ging jetzt doch zu weit. Es ging hier doch wohl um Wichtigeres als Kinder. „Weg da, Leute, ihr haltet den ganzen Betrieb auf. Seht ihr nicht, dass der Meister zu tun hat!“

Aber es stimmte. Als Jesus mitbekommt, wie sich seine Jünger verhalten, ist er sauer und pfeift sie harsch zurück. „Lasst die Kinder zu mir kommen“, sagt er sehr ernst, „denn das Reich Gottes gehört Menschen wie ihnen! Wer nicht glaubt wie sie, kommt nicht hinein.“ Und dann wendet er sich den Kindern zu, lacht sie an, nimmt sie liebevoll in die Arme, legt ihnen die Hände auf und spricht Gottes gute Worte über ihnen aus.

Was haben sich die Jünger dabei gedacht? Glaubten sie wirklich, sie müssten für Jesus Bodyguard spielen? Oder seine Termine managen? Um Wohnen und Essen hatten sie sich immerhin schon gekümmert. War es nicht wichtiger, dass die Menschen die Botschaft von Gottes kommendem Reich hörten als sich mit ein paar Dorfkindern abzugeben? Wollten sie nicht Menschen dafür gewinnen sich Jesus und ihnen anzuschließen? Und dafür waren die Kids ja wohl nicht die richtige Zielgruppe. Und was meinte Jesus eigentlich damit, dass das Reich Gottes den Kindern gehört? Waren nicht die Jünger diejenigen – sie, die Jesus folgten – die zu Gottes Reich gehören würden? Hatten sie nicht alles dafür zurückgelassen, Kilometer um Kilometer zurückgelegt, Staub und Hitze ertragen, brenzlige Situationen überstanden, damit dieses Reich Wirklichkeit werden würde? Ein Reich, in dem sich auf irgendeine Weise auszahlen würde, was sie hier leisteten.

Es muss ihnen mal wieder wie eine kalte Dusche vorgekommen sein. Kinder sollen für sie die Messlatte für Gottes Reich sein? Wie soll das gehen, dass Menschen, unabhängig vom Alter, wie Kinder sind? Wie Kinder, die angewiesen sind auf Fürsorge und Unterstützung. Die darauf vertrauen müssen, dass ihre Bedürfnisse gestillt werden. Die dazu bereit sind, die Liebe wider zu spiegeln, die ihnen entgegengebracht wird. Für die es überlebenswichtig ist Teil ihrer Familie zu sein.

Was die Jünger gewaltig in ihrem Stolz kränkt, ist Gottes Geschenk an die Menschheit. Denn es ist das Wesen von Gottes Reich, dass man es geschenkt bekommt. Ein Geschenk, das nur der zu schätzen und zu ergreifen weiß, der verstanden hat, dass er es nicht aus eigener Kraft hinein schaffen kann. Dem bewusst ist, dass er unverdient geliebt wird. Und gerade deshalb, vertrauensvoll wie ein Kind, sein Leben in Gottes Hand legt.

Jesus selbst zeigt uns diesen Weg auf: Er selbst, ganz Gott, wird für uns ganz Mensch. Wird geboren als hilfloses Kind, vertraut sich ganz dem Vater an, zeigt uns, was es heißt, dass der Größte derjenige ist, der allen dient. Lehrt uns verstehen, dass nur aus Hingabe neues Leben entstehen kann. Dass unser neues Leben nur durch seine Hingabe möglich ist. Erst wenn aus Menschen Kinder werden haben sie Teil an Gottes Reich.

Wir wollen aber eigentlich lieber groß und stark sein, nicht klein und schwach. Gewürdigt werden für das, was wir tun. Die Selbstwirksamkeit und Kontrolle behalten. Je mehr wir von uns selbst überzeugt sind, desto schwerer fällt es, Gottes Angebot anzunehmen. Aber nur aus der Kindschaft Gottes entspringt die Würde und Größe, nach der wir uns sehnen. Eine Stärke, die gerade nicht aus uns selbst entspringt, sondern ein unverdientes Geschenk ist. Diese Kindschaft gilt es zu ergreifen und nichts steht uns dabei mehr im Weg als der Wunsch, die Größten zu sein. Zuzugeben, dass wir uns nicht selbst retten können und Jesus als Retter brauchen. Ihn als Retter anzunehmen ist der Beginn unseres neuen Lebens, es ist, wie neu geboren werden. Damit wird unsere Kindschaft Wirklichkeit.

Aber wie passt das zusammen, wenn Paulus, in der Zeit als die ersten Gläubigen sich in Gemeinschaften zusammen fanden, immer und immer wieder betont, dass sie erwachsen werden müssen im Glauben. Reife und mündige Christen sein sollen. Sich mit aller Kraft dafür einsetzen sollen. Ist Kind sein plötzlich die falsche Option?

Nein, wir sind und bleiben Kinder dessen, der uns in seine Gemeinschaft gerufen hat. Aber ab dem Moment, in dem wir Kinder Gottes werden, beginnt unsere Entwicklung. Wir werden Jünger – Schüler Jesu. Die Jünger lagen also gar nicht so ganz falsch. Sie haben nur den zweiten Schritt vor den ersten gesetzt. So wie Kinder ganz natürlich lernen wie die Welt funktioniert, wie sie ihre Fähigkeiten, ihre Möglichkeiten und ihren Platz in der Gemeinschaft finden, genauso lernen wir als Jünger in Gottes Welt zu leben. Entdecken immer mehr, wer und wie Gott ist, was er tut und was er mit uns gemeinsam tun will. Erleben sein Reden und Wirken in unserem Leben. Werden immer mehr selbst wirksam. Und wie Kinder lernen wir durch Versuch und Irrtum. Es bleibt nicht aus, dass nicht alles reibungslos läuft. Aber alles lehrt uns. Es bringt uns weiter in unserem Verstehen, verändert uns. Wir beginnen uns mehr und mehr danach auszurichten was gut ist. Nie müssen wir diesen Weg alleine gehen. Aber wir müssen uns immer wieder dafür entscheiden Lernende sein zu wollen. Wenn wir Gottes Einladung annehmen Kinder seines Reiches zu sein, dann bedeutet das, dass wir gleichzeitig, mit dem Annehmen dieses wunderbaren Geschenkes, die Entscheidung treffen Jesus als Jünger nachzufolgen. Unser Leben darauf auszurichten. Vielleicht reden wir darüber manchmal zu wenig. Aber das gehört untrennbar zusammen. Es ist die Entscheidung für ein Schülerleben. Lernen kostet immer Zeit und Energie. Fordert uns heraus uns selbst zu überwinden – unsere Trägheit, unsere Ichbezogenheit, unsere Lieblosigkeit. Aber je mehr wir etwas davon verstehen wie sehr uns Gott liebt und was es Jesus gekostet hat uns dieses Leben zu ermöglichen, desto mehr werden wir Lernende aus Liebe sein. Werden mehr wollen, was er will. Immer mehr spüren wie wir selbst heiler und liebevoller werden. Werden wir reifer und mündiger werden. Und umso mehr werden uns die Menschen um uns herum am Herzen liegen.

Menschen, die Jesus nachfolgen wollen beginnen ihre Schülerlaufbahn im Kindergarten Gottes. Jünger sein ist jedem möglich, unabhängig vom biologischen Alter, vom Kind bis zum Greis. Der Kindergarten hat immer einen Platz für dich frei. Hier lernen wir so individuell wie wir als Menschen sind. Lernen entsprechend unserer Möglichkeiten und unserem Verständnis. Jüngerschaft bedeutet, Teil einer Lerngemeinschaft zu sein. Wir sind keine Einzelkinder und brauchen einander zum Lernen: als Vorbild, zum Ansporn, zur Korrektur, zur Ermutigung und zum Trost.

Damit machen wir uns auf den Weg, um die reifen und mündigen Menschen zu werden, von denen Paulus redet. Die immer mehr fest stehen können, weil sie lernen, in den Herausforderungen des Lebens Jesus zu vertrauen.

Glauben ist keine Kinderei – es bedeutet Kind zu sein und schickt uns auf den Schulweg, um erwachsen zu werden.

Nachzulesen u.a. in Lukas 18,15 ff und Hebräer 5,12 ff, 1.Korinther 14,20