Es ist wie ein Donnerschlag. Damit haben sie nicht gerechnet. Keiner der zwölf, keiner der anderen. Aber es gab kein Zurück mehr. Die, die es anschließend trotzdem versuchten, scheiterten kläglich. Und plötzlich war alles, was sie gehofft hatten, in weite Ferne gerückt.
Vierzig Tage waren sie voller Zuversicht gewesen. Alles war so, wie Gott es versprochen hatte. Alles in diesem Land schien vor Fülle überzufließen: Guter Boden, frische Quellen, ertragreiche Landwirtschaft. Ein Land, in dem Milch und Honig fließt. Ein Land, das seine Einwohner kräftig und ihre Städte reich gemacht hatte. Gutes Land. Das Land, in dem sie nach Gottes Willen leben sollten. Mit ihm als sein Volk. Das er herausgerufen hatte aus der Sklaverei, mit dem er einen Bund geschlossen und das er sicher durch die Wüste geführt hatte.
„Lasst uns sofort aufbrechen und das Land einnehmen, denn wir können es ganz bestimmt erobern!“ hatte er noch gerufen, als er hörte, wie negativ die anderen von ihrer Erkundungstour berichteten. Denn diese Zehn sprachen nur von der Größe der Bewohner und von der Unmöglichkeit der Eroberung. Und das Volk hörte auf sie. Schnell kam die Idee auf einen neuen Anführer zu wählen und lieber in die Sklaverei zurückzukehren als vermeintlich in den Tod zu gehen. Da zerrissen sich zwei der Kundschafter, die das Land durchwandert hatten, ihre Kleider. Kaleb und Josua, sie hatten den Ernst der Situation erkannt. Versuchten noch einmal das Volk zu überzeugen. Es davor zu bewahren, sich gegen Gott aufzulehnen. Machten ihm Mut: „Habt keine Angst, denn der Herr wird mit uns sein!“, aber die aufgebrachte Menge griff nach Steinen, um sie zum Schweigen zu bringen. Doch da erschien die Herrlichkeit des Herrn am Zelt Gottes.
Die Konsequenzen waren hart. Keiner derer, die zwanzig und älter waren, wird das gelobte Land sehen. Für jeden Tag, den die Kundschafter unterwegs gewesen waren, wird das Volk ein Jahr durch die Wüste ziehen müssen. Vierzig Jahre als Hirten in der Wüste leben. Erst die nächste Generation wird diejenige sein, die das Land besitzen wird. Nur Kaleb und Josua werden davon ausgenommen sein.
Als dem Volk bewusst wird, was das bedeutet, ist die Trauer groß. In ihrer Verzweiflung versuchen jetzt einige auf eigene Faust in das Land vorzudringen. Wieder gegen Gottes Willen. Und werden verjagt und geschlagen. Und so kehrt das Volk um in die Wüste, dem Roten Meer zu.
Vierzig Jahre nachdem sie Ägypten verlassen haben, steht das Volk wieder vor dem Einzug in das Land Kanaan. Und dieses Mal sind sie bereit. Eine neue Generation macht sich auf den Jordan zu durchschreiten. Angeführt von Josua, der mit dem Geist der Weisheit erfüllt ist und dem Kämpfer Kaleb, der immer noch im Vollbesitz seiner Kräfte ist.
Vierzig Jahre in der Wüste bis zu diesem Tag. Fast erscheint es ungerecht, dass auch Josua und Kaleb so lange auf die Erfüllung von Gottes Versprechen warten mussten. Waren sie nicht treu gewesen? Waren sie nicht die Einzigen der Kundschafter, die auf Gottes Kraft vertrauten. Wie muss es ihnen gegangen sein all die Jahre in dem Bewusstsein, dass dieses Land, das sie mit eigenen Augen gesehen hatten, dessen Früchte sie geschmeckt hatten, in greifbarer Nähe und doch unerreichbar war. Wäre dort nicht alles so viel besser als in der Wüste? Wie oft haben sie wohl davon geträumt, wenn der Sand durch die Ritzen des Zeltes drang oder sie nur karge Weiden für das Vieh fanden.
Die Sehnsucht nach diesem Land war da. Die Zeit in der Wüste für das Volk kompliziert. Doch trotz allem war die Wüste der Ort, an dem es etwas gab, das nirgendwo anders zu finden war: Gottes Anwesenheit.
Gott war da. All die Jahre. Er führte sie weiterhin, ging ihnen voran Tag und Nacht. War zu finden in der Stiftshütte. Auch wenn das Volk es immer wieder vergaß: Sie waren trotz der Rückkehr in die Wüste Befreite. Und Gott war mit ihnen. Daran hatte sich nichts geändert. Seine Treue stand nicht in Frage. Deshalb konnte kein Ort der Welt besser sein als der, an dem sie Gott nahe sein konnten. Nur so konnten sie bestehen. Josua wusste das. Er war seit seiner Jugend als Diener an der Seite Mose. Wenn dieser mit Gott geredet hatte und aus dem Zelt ging, blieb Josua dort.
Erst vierzig Jahre Nähe machten aus der neuen Generation der Israeliten ein Volk, das bereit war, auf Gott zu vertrauen und aus Josua den Anführer, den sie brauchten, um ins verheißene Land zu kommen. Das Land, das nicht in erster Linie aufgrund seiner Ressourcen wertvoll war, sondern weil Gott es sich als Wohnort bestimmt hatte, in dem er mit seinem Volk wohnen wollte. Damit sie das sein konnten, was sie sein sollten: Ein Licht für die anderen Völker. Ein liebevolles Volk. Ein Hinweis auf den einen liebenden Gott. Der Einzug in das verheißene Land begann nicht erst am Jordan. Er begann schon lange vorher in den Jahren in der Wüste.
Was mit Ungehorsam begann, wurde in der Wüste zur Identitätsfindung als Volk Gottes. Als sie lernten, bei dem zu bleiben, der von sich selbst sagt, dass sein Name „der ist der da ist“. Als sie lernten, wie gut es ist, da zu sein, wo er ist. Auf ihn zu hören. Nähe, die das Herz Gottes und des Menschen Herz immer mehr in Einklang bringt. Heilsame Nähe. In der Liebe und Vertrauen wächst. Und Gott und Menschen in der Sehnsucht vereint sind, dass es eine Zukunft gibt, in der alles wieder ganz gut sein wird.
Nähe, die Gott für uns in Jesus Christus schafft. Der durch sein Sterben am Kreuz und seine Auferstehung möglich macht, was von uns selbst aus unmöglich ist. Der vollendet was Gott von Anfang an geplant hat: Freien Zutritt und die Zugehörigkeit zu Gottes Familie.
Aus dieser Nähe erwächst das Vertrauen, die Zuversicht und die Stärke, die wir brauchen, um mutig weiter zu gehen. Weil wir am eigenen Leib, an der eigenen Seele, erfahren, dass Gott treu ist. In und trotz aller Umstände und Befindlichkeiten. Diese Nähe ist es, die auch Unsicherheit, Schmerz, Angst, Trauer oder Krankheit auf dem Weg unseres Lebens ertragbar, ja lebbar machen. Und die die Quelle einer Freude ist, die uns dankbar entgegennehmen lässt, was Gott Gutes für uns bereithält. Nähe, die Zukunft möglich macht.
Nähe, die gelebt werden und prägend für unser Leben sein will. Nähe, für deren Umsetzung wir uns immer wieder entscheiden müssen. Jeden Tag. Mit unserem Herzen, unseren Gedanken, mit unserem Tun. Um die wir manchmal mit unserem inneren Schweinehund kämpfen müssen und der es den wichtigsten Stellenwert in unserem oft unruhigen Alltag einzuräumen gilt. Und die uns, je länger je mehr, so unverzichtbar wird, dass wir sie um nichts in der Welt vermissen wollen. Weil es unser Glück sein wird, Gott nahe zu sein.
Die entscheidende Frage für jeden Einzelnen, genauso wie für eine Gemeinschaft, ist deshalb nicht, WO wir sind, sondern MIT WEM wir sind. In Gottes Nähe entspringt auch dort neues Leben, wo es uns unmöglich erscheint. Für uns und andere. Wirst du da sein?
Nachzulesen u.a. in 4.Mose 13 +14, Josua 3, Psalm 73,28

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.