Wegbereiter

Die zwei waren nicht weit auseinander. Gerade mal ein paar Monate. Und irgendwie waren sie auch verwandt. Wie viel Kontakt sie in der Kindheit miteinander hatten, ist nicht so klar. Zudem der eine für eine Zeit lang ins Ausland gezogen war und nach seiner Rückkehr in einem anderen Landesteil lebte. Aber mit ziemlicher Sicherheit wussten sie voneinander. Ihre Mütter hatten während der Zeit der Schwangerschaft einige Monate miteinander verbracht. Vielleicht war sogar die Mutter des Jüngeren bei der Geburt des Älteren mit dabei gewesen.

Gemeinsam war ihnen auch, dass sowohl die Ankündigungen, dass sie auf diese Welt kommen würden, als auch die Ereignisse um ihre Geburten selbst ziemlich ungewöhnlich, ja durchaus spektakulär gewesen waren. Gott hatte etwas mit ihnen vor. Auf ganz unterschiedliche Weise würden sie die Menschen damit konfrontieren, dass Gottes Reich nahe herbeigekommen war. Dass etwas lange Vorhergesagtes und Erwartetes jetzt eintreffen und beginnen würde. Etwas, das geschehen und eine Reaktion der Menschen erforderte. Das ihre Wege untrennbar miteinander verband.

Etwa dreißig Jahre nach ihrer Geburt trat zuerst der Ältere ins Rampenlicht. Bald strömten die Massen zu ihm, obwohl er sich außerhalb der Stadt aufhielt. Er war eine ungewöhnliche Persönlichkeit, geprägt vom Leben in der Wüste, altmodisch gekleidet und mit seltsamen Ernährungsgewohnheiten. Von Gott gerufen durchzog er die Gegend am Jordan und rief die Menschen dazu auf, umzukehren, sich von ihrer Schuld abzuwenden und sich zum Zeichen dafür taufen zu lassen. Wer ihn fragte, was er tun solle, bekam eine klare Antwort. Johannes redete immer Klartext. Sich einfach darauf zu berufen, Abrahams Nachfahren und damit Teil von Gottes Volk zu sein, sei zu kurz gedacht. Auch sie würden sich vor Gott rechtfertigen müssen. Es würde nichts helfen, sich bei ihm taufen zu lassen, wenn sie es nicht ernst meinten. Und dass sie es ernst meinten, könne man nur daran sehen, dass sie ihr Handeln veränderten. Viele folgten seinem Ruf und immer mehr wurde die Frage laut, ob er nicht der so lange erwartete Retter sein könnte. Aber auch da redete Johannes nicht um den heißen Brei herum: „Nein, sagt er, ich rufe euch nur zur Umkehr. Zur Bestätigung taufe ich euch mit Wasser, aber es wird einer kommen, der größer ist als ich. Einer, für den ich der Wegbereiter bin. Der viel größer ist als ich und der das Heil bringen wird, das von Gott kommt.“

Und dann treffen sie eines Tages endlich aufeinander. Jesus kommt aus Galiläa zum Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen. Und Johannes erkennt ihn als den von Gott gesandten Retter. Denn auch hier ist sein Reden klar: „Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, nicht umgekehrt!“ Aber auf Jesu Bitte, dass sie hier gemeinsam erfüllen sollen, was Gottes Gerechtigkeit fordert, willigt er ein, tauft ihn und wird Zeuge wie Gott selbst Jesus als seinen Sohn bestätigt. Danach gehen sie wieder ihrer Wege.

Nur diesen kurzen Moment haben sie miteinander. Der, dessen Namen bedeutet „Gott ist gnädig“, und der, dessen Namen „Gott rettet“ bedeutet. Johannes wird weiterhin zur Umkehr rufen, taufen und auf Jesus als Retter hinweisen.

Schon bald wird er von Herodes Antipas, dem herrschenden Gebietsfürsten, ins Gefängnis geworfen. Auch mit ihm hatte Johannes Klartext geredet. Das unmoralische Privatleben einer führenden Persönlichkeit zu kritisieren war in der damaligen Gesellschaft lebensgefährlich. Es muss Johannes bewusst gewesen sein, dass seine Inhaftierung aller Wahrscheinlichkeit nach kein gutes Ende nehmen wird.

Im Gefängnis hört er vom Wirken Jesu. Er schickt seine Schüler zu Jesus und lässt sie fragen: „Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Und Jesus antwortet ihm, dass sie ihm berichten sollen, was sie hören und sehen: Dass Blinde sehen, Lahme gehen, Kranke geheilt, Taube hören, Tote auferweckt und den Armen die gute Botschaft Gottes verkündigt wird. Als Johannes diese Nachricht bekommt, ist für ihn alles klar. Es ist die Nachricht vom Reich Gottes, auf die sie alle so lange gewartet haben. Die Nachricht, dass Himmel und Erde endlich wieder eins werden können. Jesus ist der, der rettet. Johannes selbst weiß in diesem Moment noch nicht, dass die Rettung dadurch geschehen wird, dass Jesus stellvertretend für die Schuld aller Menschen am Kreuz sterben und auferstehen wird. Auch für ihn.

Aber er weiß jetzt, dass seine Aufgabe erfüllt ist. Dass er das Richtige getan hat. Dass Gott durch Jesus handelt in dieser Welt und er, Johannes, in Gottes Auftrag dazu beigetragen hat. Jetzt kann er gelassen und in Frieden seinem Tod entgegensehen. Ein vollmundiges Versprechen von Herodes Antipas auf einem Fest wird der Auslöser dazu sein.

Johannes ist dem treu geblieben, wozu Gott ihn berufen hatte: Wegbereiter zu sein. Wegbereiter für den einen, der der Weg ist. Aber wie ist das mit uns, deren Leben auf den ersten Blick nicht mit einer spektakulären Prophezeiung begann?

Die gute Nachricht ist, dass das keinen Unterschied macht. Denn alle Menschen sind dazu gerufen, auf Gottes rettendes Handeln zu reagieren, seiner Liebeserklärung zu antworten, sich ihm zuzuwenden. Dass der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, uns ruft – jeden Einzelnen – ist an sich schon spektakulär! Und es ist unfassbar spektakulär, was Gott sich selbst zumutet, indem er sich in Gestalt seines Sohnes wie einen Verbrecher hinrichten lässt, um für uns den Weg ins Leben zu bahnen. Wenn wir uns diesem Gott anvertrauen und unser Leben mit ihm führen, werden wir, wie Johannes, untrennbar mit ihm verbunden und Wegbereiter sein. Durch das, was wir sind und reden, werden wir zur guten Nachricht für andere. Weisen wir auf den hin, der jedem Leben verspricht, der an ihn glaubt. Jeder an seinem Ort und in seiner individuellen Art und Weise. Dann können wir in Frieden auf unser Leben schauen. Dann ist das Wissen um den Tod nicht das Warten auf unser Ende, sondern die getroste Erwartung auf den Ruf nach Hause.

Nachzulesen u.a. im Matthäusevangelium Kapitel 11 und 14