Herzensachen

Es war ein ganz gewöhnlicher Tag für ihn. Er erledigte, was zu tun war. Ging seinem Tagwerk nach wie immer. Aber plötzlich fühlte er ein Drängen in sich. Ein Drängen, zu lassen was er gerade tat und in den Tempel zu gehen. Komisch, es lag nichts Besonderes an. Kein Feiertag, kein Sabbat. Aber das Drängen war stark und so ging er hinauf zum Tempel. Stand inmitten der Menge. Im Getümmel der Verkäufer von Opfergaben und den Geldwechslern, zwischen Lehrenden und ihren Zuhörern und all denen, die ein vorgeschriebenes Opfer bringen wollten. Männer, Frauen, Familien mit ihren Erstgeborenen. Wie immer war viel los hier. Er sah sich um. Nichts Ungewöhnliches. Warum sollte er gerade jetzt hier sein?

Sollte heute der Tag sein, an dem Gott ihm zeigen wollte, was er ihm versprochen hatte? Der Tag, an dem er den von Gott gesandten Messias sehen sollte? Simeon musterte alle Vorbeigehenden genau. Versuchte die Gesprächsfetzen der Männer aufzuschnappen. Wer könnte es sein? Ein Lehrer? Ein Priester? Ein Kämpfer? Jemand mit einer königlichen Haltung? Wieder kam ein junges Ehepaar mit seinem Neugeborenen in den Vorhof. Und da wusste er es plötzlich. War sich ganz sicher. Er bahnte sich den Weg zu der Familie und bat darum, das Kind in seine Arme nehmen zu dürfen. Ein wenig verwundert stimmten die Eltern zu.

Und da bricht es aus ihm heraus: Voller Dankbarkeit preist er Gott für seine Güte. Dafür, dass endlich durch dieses kleine Kind auf seinem Arm geschehen würde, was Gott schon immer versprochen hatte: Wieder zu heilen, was zerbrochen war. Dass dieses Kind das Licht sein würde, nicht nur für das Volk Israel, sondern für alle Völker dieser Welt. Und dafür, dass er, Simeon, diesen Retter sehen durfte.

Die Eltern sind erstaunt. Nicht über das, was Simeon da beschrieb, denn es war ihnen bewusst, dass Gott Großes mit ihrem Sohn vorhatte. Die Worte des Engels hatte Maria nicht vergessen. Aber dass außer ihnen und den Hirten noch jemand Bescheid wusste und auf sie gewartet hatte. Jemand, den sie noch nie getroffen hatten, das war überraschend.

Simeon segnet sie und spricht dann Maria direkt an: „Er ist dazu bestimmt, dass viele in Israel an ihm zu Fall kommen und viele durch ihn aufgerichtet werden. Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird – so sehr, dass auch dir ein Schwert durch die Seele dringen wird. Aber dadurch wird bei vielen an den Tag kommen, was für Gedanken in ihrem Herzen sind.“

Nicht gerade das, was eine frischgebackene Mutter über die Zukunft ihres Babys hören möchte. Und über ihre eigene Zukunft. Er wird Sohn des Höchsten genannt werden, so sprach der Engel, ein König sein wie David. Wer könnte sich mehr für sein Kind wünschen? Wie passt das zusammen? Aber obwohl sie seine Mutter ist, ihn aufwachsen sieht, geht es ihr wie allen anderen, als der erwachsene Jesus öffentlich auftritt und lehrt. Es fordert sie heraus. Sie weiß nicht wirklich, was sie denken soll. Zeitweise hält sie ihn für komplett verrückt. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Seine Zukunft nicht und auch nicht ihre. 

Ihrer beider Leben sind verknüpft miteinander. Herausfordernd von der Geburt bis zum Tod. Dem Tod, den Jesus am Kreuz stirbt. Auch da ist sie da. Und fühlt das Schwert, von dem Simeon sprach. Was ist das für ein König, der sich selbst hingibt für die Menschen? Kann das überhaupt sein? Und doch erlebt sie selbst gerade hier seine Fürsorge für sie, indem er sie kurz vor seinem Tod einem seiner engsten Freunde anvertraut.

Jesus fordert heraus. Damals und heute. An dem, wie wir ihn sehen, zeigt sich, was wir über uns und ihn denken. Entdecken wir in ihm das Licht, das unser Leben erleuchtet? Ist er für uns derjenige, durch den Gott wieder heil machen will, was zerbrochen ist. In dieser Welt und in unserem Leben? Gestehe ich mir ein, dass ich ihn brauche, weil ich es selbst nicht hinkriege gut zu sein? Ist er mein Retter, der mich zurück in Gottes Arme bringt?

Oder richten sich bei mir schon bei dem Gedanken an ihn alle Stacheln auf. Ich kriege das doch alles ganz alleine hin. Ich tue doch eigentlich niemand etwas Böses – für was brauche ich einen Retter? Ich glaube nur das, was ich sehe oder was ich gerne glauben will. Vielleicht an eine Art höhere Macht, aber das mit Jesus ist mir viel zu eng und zu konkret.

Nur ein kurzes Zusammentreffen – der acht Tage alte Jesus und Simeon – und doch so grundsätzlich. Seither steht diese Frage im Raum: Werden wir durch ihn aufgerichtet oder kommen wir durch ihn zu Fall? Gott will uns ewiges Leben geben – durch Jesus, der für unsere Schuld am Kreuz starb – aber das setzt voraus, dass wir das wollen. Es ist ein Geschenk, für das wir nichts tun müssen, außer es anzunehmen. Das ist die uneingeschränkt gute Nachricht. Jesus hat alles vollbracht, was dafür nötig ist. Aber es geschieht nicht automatisch. Wir sind frei in unserer Entscheidung. Gott zwingt uns nicht. Er macht uns mit Jesus ein Angebot auf seine Liebe zu reagieren. Mit ihm zu sein oder ohne ihn. Unsere Entscheidung hat Konsequenzen. Wir entscheiden uns zwischen Leben und Tod. Das ist krass und doch ist es so.

Paulus wird die Worte von Simeon später aufgreifen und formuliert es so: „Mit der Botschaft vom Kreuz ist es nämlich so: In den Augen derer, die verloren gehen, ist sie etwas völlig Unsinniges; für uns aber, die wir gerettet werden, ist sie der Inbegriff von Gottes Kraft.“

Wir haben die Wahl – Unsinn oder Kraft? Es gibt kein Dazwischen. Was denken wir in unseren Herzen über Jesus? Ist es für uns Unsinn, dann berauben wir uns selbst der Hoffnung. Ist er für uns der Retter, dann feiern wir an Weihnachten Gottes Geschenk  – Leben an Gottes Seite, ewig.

Nachzulesen u.a. in Lukas 1, 26 – 35, Lukas 2, 25 – 35, 1.Korinther 1, 18