Barmherzigkeit ist nicht nett – Jahreslosung 2021

Es schwirrt ihnen der Kopf. Das Meeting läuft schon eine Weile und Input folgt auf Input. Wenig Zeit dazwischen, um die herausfordernden Statements gedanklich zu sortieren. Immer neue Perspektiven tun sich auf. Ihnen war schon klar: Hier geht es um Grundlegendes! Die neue gemeinsame Marschrichtung. Um Identität und Output. Und all das lag irgendwie zwischen Vertrautem und überraschend Neuem. Sie waren ja nicht völlig ahnungslos. Kennen sich aus in der gemeinsamen Geschichte. Aber bei diesen Sätzen blieb ihnen doch mal kurz die Luft weg:

„Nett sein kann jeder. Das ist nichts Besonderes. Andere zu lieben, von denen man selbst geliebt wird? Geschenkt – das machen doch alle. Denen etwas Gutes tun, die euch etwas Gutes tun. Dafür wollt ihr Anerkennung? Oder wenn ihr anderen etwas leiht? Vergesst es – denn ihr könnt ja damit rechnen, dass ihr es zurückbekommt. Versteht mich nicht falsch – es spricht nichts dagegen, all das zu tun. Aber ihr sollt etwas tun, das nicht nur nett ist!“

„Ihr, die ihr mir zuhört, sagt Jesus, ihr sollt eure Feinde lieben. Denen Gutes tun, die euch hassen und für die beten, die euch Böses tun.“ 

Wie jetzt – Feinde lieben? Sind das nicht die, um die man lieber einen großen Bogen macht. In deren Nähe man sich unwohl fühlt. Von denen man sich fernhalten sollte? Oder gegen die man im Kampf steht – zumindest im täglichen Kleinkrieg. Bei denen man innerlich die Augen verdreht, weil sie so gar nicht zum eigenen Lebenskonzept passen. Die, die es einfach nicht kapiert haben. Die Anstrengenden und die Nervigen. Die Fordernden und die, unter denen man immer wieder zu leiden hat. Von denen wir immer wieder verletzt werden. Die, denen wir eigentlich lieber mal zeigen würden, wo es lang geht. Es ihnen so richtig heimzahlen.

Seine Jünger, mit denen er sich damals zu einem sehr grundsätzlichen Gespräch auf einen Berg zurückgezogen hatte, müssen die Köpfe geschüttelt haben. Das geht doch nicht. Das wäre doch so was wie Kleinbeigeben. Dann glauben die doch, sie hätten gewonnen. Können mit uns machen, was sie wollen. Werden wir ausgenutzt. Haben wir keine Chance.

Aber Jesus meint es ernst. Behandelt alle so, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Macht keinen Unterschied. Knüpft euer Handeln nicht an Bedingungen. Nicht an Gegenleistungen. Tut Gutes. Betet. Liebt einfach! Liebt einfach. Er hat gut reden. Weiß er eigentlich, was er da sagt? Es macht uns gerade zu Angst, das zu hören. Zu unmöglich erscheint es uns so zu leben. So zu lieben.

Aber das ist es nicht. Es bleibt herausfordernd. Scheint uns manchmal unmöglich und ist doch mit Gottes Hilfe möglich. Kostet uns manchmal fast den Verstand. Aber es befreit unser Herz. Es ist der Ausdruck dessen, was wir selbst erfahren. Was wir für uns selbst dankbar entgegennehmen. Liebe ohne Gegenleistung von einem gnädigen Gott. Der zu uns kommt. Der für uns stirbt. Der unsere Schuld auf sich nimmt. Der uns vergibt. Noch bevor wir uns ihm zugewandt haben. Noch bevor wir etwas von ihm wissen wollten. Ohne dass wir es verdient hätten. Als wir noch seine Feinde waren. Weil er gnädig und barmherzig ist. Weil er uns liebt. Jesus weiß ganz genau, was er da sagt.

Barmherzigkeit ist etwas ganz anderes als nett sein. Weil sie für den anderen ist. Weil sie Wahrheit und Liebe verbindet. Weil sie nichts beschönigt. Eben nicht fünf gerade sein lässt, um dem anderen nicht zu nahe zu treten. Ihn einfach machen zu lassen. Sondern weil sie das, was ist, beim Namen nennt. Weil sie Unmögliches überwindet. Aus Gottes Sicht ist es unmöglich, die Gemeinschaft mit Menschen wiederherzustellen, die sich von ihm abgewandt haben. Es widerspricht seiner Heiligkeit. Geht nicht. Das ist die Wahrheit, der sich Gott selbst stellen muss. Er, der die Wahrheit ist. Diese Wahrheit kann nicht beschönigt werden. Da hilft kein Nettsein. Gottes Barmherzigkeit ist es, dass er einen Weg findet, uns heilig zu machen. Dieser Weg kostet ihn für uns Menschen zu sterben. Die Wiedergutmachung selbst in die Hand zu nehmen. Sich hinzugeben. Barmherzigkeit ist liebende Wahrheit.

Wenn wir diese liebende Wahrheit für uns in Anspruch nehmen, dürfen wir sie auch keinem anderen verwehren. Wir haben sie ebenso wenig verdient wie der, den wir als eine Art Feind bezeichnen würden. Liebe kann nie verdient werden. Aber Liebe, vergebende Liebe, ist die einzige Möglichkeit, dass aus Feinden Versöhnte werden. Dass Nähe möglich wird. Dazu muss einer in Vorleistung gehen. Das unmöglich Geglaubte möglich machen. Nicht durch nettes Beschönigen, sondern durch Hingabe. Weil auch im ärgsten Feind ein Mensch steckt, den Gottes Liebe finden will. Das ist Gottes Grundsatzprogramm.

Und auch wenn das jetzt komisch klingt: Es lohnt sich. Wagen wir diese Art von Liebe, werden wir uns der Nähe Gottes umso gewisser sein. Seine Kraft spüren und verstehen, warum Zukunft von der Bereitschaft abhängt, einen Neuanfang zu ermöglichen.

„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus. Was für eine Herausforderung. Und was für eine wunderbare Zusage. Fast kommt es mir so vor, als hätten wir diesen Vers nie nötiger gehabt als dieses Jahr.

(nachzulesen in Lukas 6, 27 – 36)