Warum sagt er nichts? Sie schauen ihn alle erwartungsvoll an. Die einen voll von hämischer Erwartung. Jetzt haben wir ihn. Aus der Nummer kommt er nicht raus. Was für eine geschickte Zwickmühle. Endlich haben wir etwas, das wir gegen ihn verwenden können.
Die andere in angstvoller Erwartung. Todesangstvoller Erwartung. Obwohl fast klar ist, dass es hier eigentlich nicht um sie geht. Am liebsten würde sie sich in Luft auflösen. Unbeweglich steht sie da. Mittendrin. Bloß nicht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Spannung ist mit Händen zu greifen. Die Frage steht im Raum.
Aber er sagt nichts. Sitz einfach da. Beugt sich zum Boden und kritzelt etwas in den Staub. „Was sagst du dazu?“, drängen sie ihn. „Du weißt ja, was das Gesetz sagt!“ Da richtet er sich auf und schaut ihnen ins Gesicht. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Und beugt sich in aller Ruhe wieder vor und fährt mit dem Finger weiter durch den Staub. Als ginge ihn das alles gar nichts an. Als wären die anklagenden Männer, als wäre die angeklagte Frau gar nicht da.
Einer nach dem anderen verlässt wortlos den Platz. Die Älteren von ihnen gingen als Erste. Komisch eigentlich. Warum haben sie nicht mit ihm diskutiert? Das Gesetz, nach dem sie sich richteten, schrieb diesen Zusammenhang nicht vor. Sie wären tatsächlich im Recht gewesen. Was an diesem Satz hatte sie so getroffen, dass sie das Feld räumten?
Jesus bleibt allein mit der Frau. Sie steht immer noch bewegungslos da. Hat sich nicht davon gemacht. Nicht in Sicherheit gebracht, als die Gelegenheit günstig war. Er sieht sie an und fragt, als wäre er nicht selbst gerade dabei gewesen, ob sie von niemand verurteilt worden wäre. „Nein, Herr, keiner“, antwortet sie. Es scheint, als könne sie kaum fassen, was gerade geschieht. „Dann verurteile ich dich auch nicht, du darfst gehen“, sagt Jesus, „sündige von nun an nicht mehr.“
Eine kuriose Situation. Die, die im Recht waren, gehen. Ohne weitere Diskussion. Und die, die im Unrecht war, bleibt. Und erwartet eine Antwort von einem, der ihr eigentlich nichts zu sagen hatte. Und dann gab es da noch die Zuschauer. Die Szene spielte sich ja nicht im luftleeren Raum ab. Jesus hatte sich hingesetzt um zu lehren. Er war umgeben von einer Menschenmenge im Tempel.
Ein paar Tage vor dieser Begebenheit wollten die Pharisäer Jesus verhaften lassen. Aber die ausgeschickte Tempelwache kam unverrichteter Dinge zurück. Denn die Menge glaube ihm und seine Worte hatten sie irritiert. Es brauchte deshalb einen Anlass, um Jesus in die Falle locken. Eine Demütigung vor aller Augen. Da kam ihnen die Frau gerade recht. Ihr Vergehen, das Einhalten des Gesetzes und sie selbst interessierte sie nicht wirklich. Ihr Trick war so einfach wie hinterhältig: Würde Jesus sich für die Einhaltung des Gesetzes aussprechen, hätte er als Anstifter der Steinigung gegolten. Juden war es von der römischen Besatzung jedoch verboten worden Todesstrafen auszusprechen. Das hätte ihnen einen Verhaftungsgrund geliefert. Hätte er dafür plädiert, das Gesetz außer Acht zu lassen, hätte es ihn, als einen der Gottes Wort lehrt, in Verruf gebracht. Seine Glaubwürdigkeit, so hofften sie, wäre stark beschädigt worden.
Jesus reagiert bemerkenswert und spielt den Ball zurück. Es ist ihm klar, dass seine Diskussionspartner etwas anderes im Sinn haben. Sie die Frage und damit das Thema nur als Vorwand nutzen. Aber er nimmt sie beim Wort. Wenn ihr Gerechtigkeit fordert – das Einhalten des Gesetzes – dann habt ihr Recht. Aber wie steht es denn um eure Gerechtigkeit? Brecht ihr nie das Gesetz? Seid ihr ohne Schuld? Jetzt sind es die Pharisäer, die in der Zwickmühle sitzen. Keiner, so lehren es die von ihnen genannten Schriften, ist ohne Schuld. Wer also dürfte das von sich behaupten? Eine solche Anmaßung ließe sie ihren Rückhalt im Volk verlieren. Und sich als werfende Aufrührer vor den Römern eine Blöße zu geben, ging auch nicht. Also bleibt nur der schmachvolle Rückzug.
Was Jesus zum Thema Gerechtigkeit zu sagen hat, zeigt uns das anschließende kurze Gespräch mit der Frau. Denn er stimmt damit überein, dass ihr Verhalten falsch war. Sie damit Schuld auf sich geladen hat. Das stellt er nicht infrage. Aber er verurteilt sie nicht.
Was also ist seine Gerechtigkeit? Jesu Gerechtigkeit ist nicht das Schönreden oder das darüber Hinwegsehen als Lösung der Schuldfrage. Jesus nimmt Schuld ernst. Todernst. Der entscheidende Unterschied ist, dass Gottes Gerechtigkeit immer das Heil des Menschen im Blick hat. Die Wiederherstellung der Beziehung von Gott und Mensch. Jesus selbst schafft diese Gerechtigkeit, indem er die eigentlich auf die Schuld folgende Verurteilung durch einen Freispruch ersetzt. Das er Vergebung für Schuld ausspricht. Das ist nur möglich, weil er selbst die Verurteilung auf sich nimmt. Das geschieht, indem er als unschuldig Verurteilter am Kreuz stirbt. Sich selbst für die Schuld der Menschen opfert. An unsere Stelle tritt, damit Gerechtigkeit für Menschen überhaupt möglich ist. Ein Vorgang, den wir als Geschehen nicht wirklich nachvollziehen können, aber auf den wir dennoch vertrauen dürfen. Wenn wir uns diesem Jesus zuwenden, ihm glauben, lautet das Urteil Freispruch.
Dieses Angebot Gerechtigkeit zu finden gilt für jeden. Für alle Menschen. Selbst für die Pharisäer, die etwas anderes im Sinn hatten, als sie Jesus herausforderten. Es ist der trotz allem liebevolle Umgang von Jesus mit ihnen, der auch ihnen eine Tür öffnen soll. Er pariert ihr Verhalten, aber öffnet ihren Horizont für die Antwort auf ihre Frage. Macht deutlich, dass jeder Mensch diese Gerechtigkeit braucht. Weil keiner aus sich selbst gerecht werden kann.
Die Geschichte, die wir im Johannesevangelium finden, endet offen. Vielleicht, damit wir selbst ins Nachdenken kommen. Später werden sich einige der Pharisäer genauso wie einige Frauen und einige der Zuhörer unter denen finden, die Jesus glauben. Sie haben in ihm Gerechtigkeit gefunden. Ich auch. Und du?
(Nachzulesen im Johannesevangelium Kapitel 8, Verse 1-11)

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