„Versteht ihr, was ich eben getan habe?“, fragt er sie. Ihre verwirrten Gesichter waren wohl Antwort genug. Was sie gerade erlebt haben, konnten sie schwer einordnen. Wie sollten sie auch. Und der Einzige, der sich mal wieder hinausgelehnt hatte, Petrus, lag gleich zweimal falsch. Klar wissen sie, was Jesus gerade getan hat. Sie haben es ja am eigenen Leib, an den eigenen Füßen erfahren. Was für eine krasse Situation. Undenkbar und auf eine gewisse Weise auch unangenehm. Das geht doch nicht. Wie kommt Jesus dazu, ihnen, seinen Jüngern, die Füße zu waschen. Den niedrigsten Dienst von allen zu verrichten. Einen Dienst, für den sie sich zu fein gewesen waren. Sie hatten sich zu Tisch gelegt, ungewaschen, als sie bemerkten, dass kein Diener zu Verfügung stand. Nicht im Traum wären sie auf die Idee gekommen, das selbst in die Hand zu nehmen.
Und dann kniet Jesus plötzlich vor ihnen. Wäscht Staub und Dreck von ihren Füßen. „Du mir?“ sagt Petrus, „nie und nimmer!“ Beruhigend, dass Jesus darauf hinweist, dass Petrus noch nicht verstehen kann, was gerade vor sich geht. Später erst wird es ihm klar werden. Aber Jesus macht auch deutlich, dass es trotzdem so sein muss. Petrus muss es geschehen lassen, wenn er mit Jesus Gemeinschaft haben will. „Dann wasch mir auch Kopf und Hände!“ bittet Petrus. Wenn es so wichtig ist, dann bitte gleich die volle Portion. Aber auch diese Antwort ist für Petrus schwer zu verstehen: „Wer ein Bad genommen hat, ist ganz rein. Er braucht sich später nur noch die Füße zu waschen.“
Zu alle dem kommt noch eine Aufforderung: Handelt so aneinander, wie ich an euch gehandelt habe. Denk daran, dass ein Bote nicht größer ist als der, der ihn sendet. Jetzt wisst ihr also Bescheid. Ihr seid glücklich zu schätzen, wenn ihr auch danach handelt. Hä? Wie meint er das jetzt?
Die Fußwaschung ist ein echt komplexes Geschehen. Die Jünger, die in der Situation steckten, zu Recht überfordert. Waren sie nicht gerade mit viel Getöse in Jerusalem eingezogen? Als Gefolge dessen, der mit Hosanna und Palmzweigen auf königliche Art in die Stadt geleitet wurde. Jetzt sollte es endlich losgehen. Und sie mittendrin. Ganz nah dran an dem ersehnten König. Sein Glanz würde auf sie abfärben. Da waren sie sich sicher. Sie waren schon dabei, sich die guten Plätze zu sichern. Diener sein kam in diesen Gedankengängen eher nicht vor.
Erst später verstehen sie wirklich, was passiert ist. Nachdem Jesus am Kreuz starb und nach drei Tagen auferstand. Als der Heilige Geist an den Pfingsttagen auf die fiel, die darauf warteten, fiel auch bei Petrus der Groschen: Dieser Jesus ist der König eines Reiches, das demjenigen offen steht, der sich ihm ganz anvertraut. Dieser Jesus schafft, was niemand sonst tun kann. Er ist der König, der sich selbst ganz hingibt, sein Leben gibt, stellvertretend für jeden, der will. Ein dienender König. Voller Liebe. Der damit Schuld und Tod durchbricht und Leben schenkt. Neues Leben in Gemeinschaft mit Gott schafft.
Die Voraussetzung ist, dass wir uns von ihm dienen lassen. Wir uns den Staub und Schmutz all dessen, was uns von Gott fernhält, von ihm abwaschen lassen. Grundsätzlich. Überall. Einmalig, indem wir uns ihm ganz anvertrauen. Im Glauben dieses Angebot ergreifen und uns ihm zuwenden. Aber auch dann immer wieder. Weil wir auch dann, wenn wir zu ihm gehören, noch immer schuldig werden. Und ihn täglich bitten können, uns zu vergeben. Die Jünger gehörten zu ihm. Das meinte Jesus, als er auf Petrus Bitte reagierte, ihm auch Kopf und Füße zu waschen. Ihr gehört schon zu mir. Aber die tägliche Vergebung, die braucht ihr immer noch. Lasst es zu. Seid euch nicht zu fein dafür, euch von mir dienen zu lassen. Nehmt meine Liebe an.
Und dann: Handelt aneinander so wie ich, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Dient einander. Oft wird hier ein Schwerpunkt gelegt. Und das ist nicht unberechtigt: Ja, Jesus ist dieser dienende König. Hingabe bestimmt sein Leben und ist genauso das Grundprinzip derer, die ihm nachfolgen. Hingabe aus Liebe zum anderen. Auch heute. Den anderen im Blick haben und ihm Gutes zu tun. Gutes zu wollen. Ganz praktisch. Ganz tatkräftig anpacken, bei dem was nottut. Und unabhängig davon, ob das zu meinen Aufgaben, meiner Position oder sonst was gehört. Einfach machen, weil der andere es braucht. Natürlich steckt das hier drin. Aber noch einiges mehr:
Werfen wir einen Blick auf die Situation, in der das Füßewaschen geschieht: Sie sind sehr wahrscheinlich zum Feiern des Passahmahls zusammen gekommen, auch wenn Johannes das nicht ausdrücklich erwähnt. Ein gemieteter Raum steht ihnen zur Verfügung. Alles ist gerichtet. Auch die Utensilien für die übliche Reinigung der Füße, mit der Gäste empfangen wurden. Als Jesus dafür sorgt, übernimmt er damit auch ganz selbstverständlich die Rolle des Gastgebers. Sorgt dafür, dass sich seine Gäste willkommen fühlen. Gast zu sein, gemeinsam zu essen, bedeutete damals so viel wie die Aufnahme in die Haus- und Familiengemeinschaft. Er heißt also die Jünger in seinem Haus, in seiner Familie willkommen. Willkommen in der Familiengemeinschaft Gottes. Kurz nach dieser Situation drückt er es so aus: Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich bereite den Platz für euch vor. Er ist es, der euch einlädt, nach Hause zu kommen.
Füße waschen ist heutzutage kein üblicher Empfang mehr. Eher: „Schön dich zu sehen! Komm rein! Setz dich! Was willst du trinken? Kaffee?“ Uns ein Beispiel an Jesus zu nehmen heißt aber immer noch nichts weniger als den anderen willkommen zu heißen in unserem Leben, in unseren Wohnungen und unseren Herzen. Ihnen zu dienen mit allem, was wir sind und haben. Unser Leben, unsere Gaben und unsere Liebe zur Verfügung stellen. Um damit den anderen zu stärken. Ihn spüren zu lassen, dass wir eine gemeinsame Heimat haben.
Dem anderen die Füße zu waschen bedeutet aber auch zu vergeben. Immer wieder. Bereitwillig. Demjenigen, der an mir schuldig geworden ist. Die Beziehung zwischen ihm und mir wieder rein werden zu lassen. Ungetrübt von dem, was war. Was uns getrennt hat, weil es mich, weil es unsere Beziehung verletzt hat. Das wir dem anderen gewähren, was Jesus uns gewährt hat. Nicht auf unser Recht bestehen. Nicht dabei stehen bleiben, verletzt, wütend oder beleidigt vor uns hin zu schmollen. Sondern gnädig zu sein. Dem anderen immer wieder den Weg in ein gemeinsames, freundliches Weitergehen zu eröffnen. Das fordert ein größeres Maß an Hingabe, als wir es uns gerne vorstellen. Aber es schafft Frieden und Miteinander.
Füße zu waschen hat viele Facetten. Immer ist es ein Liebesbeweis. Es ist das, was die Gemeinschaft derer, die Jesus nachfolgen, zusammenhält. Bei ihm hält und beieinander. Durchträgt, wenn es schwierig wird. Weil es uns hilft, nicht nach den Plätzen zu schielen, sondern auf das Wohl aller. Wir dadurch Verantwortung füreinander übernehmen. Fast immer bleibt es herausfordernd. Oft genug müssen wir uns selbst die Füße waschen lassen. Oft genug selbst zum Lappen greifen. Doch gerade deshalb sind wir glücklich zu preisen. Weil wir wissen, wo wir hingehören. Wissen, bei wem wir zu Hause sind.
(Nachzulesen u.a. im Johannesevangelium, Kapitel 13)

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