Die Isaakfrage

Drei lange Tage. Schwer, wirklich schwer. Jeder Schritt eine Überwindung. Jeder seitliche Blick ein Schmerz. Und doch steigt er auf zum genannten Platz. Kaum vorstellbar, was in seinem Innersten vor sich ging. Aber er zögert nicht. Lässt sich nichts anmerken vor seinem Sohn, der neben ihm geht und tapfer das Holz trägt. Er hatte ausweichend geantwortet, als Isaak nach dem zu opfernden Tier fragte. „Gott wird für das Lamm sorgen“, antwortet er ihm. Und dann das Unvorstellbare: Abraham bindet den eigenen Sohn auf Gottes Geheiß und zückt das Messer. Er ist bereit zu tun, was Gott von ihm verlangt. In diesem Augenblick ruft ihn ein Engel zurück: „Lass es sein! Tu ihm nichts! Denn jetzt weiß ich, dass du Ehrfurcht vor Gott hast!“

Viel mehr emotionale Achterbahn geht eigentlich nicht. Das kann Abraham doch nicht machen! Das kann Gott doch nicht machen! Die Prüfung von Abrahams Gehorsam ist eine herausfordernde Geschichte. Doch der Reihe nach:

Gott hat Abraham versprochen, ihn zu segnen, ihn groß zu machen und ein großes Volk von ihm abstammen zu lassen. Ein Volk, dessen Gott er sein will. Dazu soll sich Abraham aufmachen in ein Land, das Gott ihm zeigen wird. Das tut Abraham. Nicht immer kriegt er es so gradlinig hin, aber schließlich scheint doch alles irgendwie gut. Gott sorgt nicht nur für die Erfüllung des Kinderwunsches, sondern schafft auch ein sicheres und brauchbares Umfeld. Abraham ist angekommen. Und mitten in die Erwartung von „Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“ prallt die Forderung Gottes Isaak zu opfern. Seinen einzigen Sohn, den er lieb hatte.

Warum tut Gott sowas? Und warum lässt sich Abraham darauf ein? Was hat uns diese Geschichte zu sagen? Wir entdecken, abgesehen von der Hauptaussage, eine Vielzahl von Parallelen, die uns den Blick weiter machen. Manches davon entdeckt ihr schon in diesem Text. Es lohnt sich unbedingt in das Original zu schauen. Zwei wesentliche Perspektiven hier als Annäherungsversuch:

Die eine hat etwas mit der Beziehung von Abraham und Gott zu tun. Abraham vertraut Gott. Er bricht in ein fremdes Land auf, als Gott ihn losschickt. Wie das war, als Gott Abraham das erste Mal begegnete? Darüber gibt uns die Bibel keine Auskunft. Sicher ist: Gott hat die Initiative ergriffen und sich ihm gezeigt. Und Abraham muss ihn erkannt haben als den Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Der ihm etwas zu sagen hat. Als einer, der Gutes mit ihm im Sinn hat. Als vertrauenswürdiger Gott. Als Abraham um ein Erkennungszeichen bittet, damit er sicher sein kann, dass Gott ihm wirklich das geben wird, was er versprochen hat, ist ein dargebrachtes Opfer das Zeichen des geschlossenen Bundes. Auch wenn es Abraham im Lauf seines Lebens nicht immer hinkriegt. Gott erweist sich als der, der zu seinen Zusagen steht. Als treuer Gott. Als mächtiger Gott. Als ein Gott, der nah ist.

Nur das kann es sein, was Abraham inmitten dieser unmöglichen Situation zum Gehorsam treibt: Er vertraut darauf, dass Gott seine Zusagen hält. Die Zusage, dass durch Isaak das versprochene Volk entstehen wird. Dass Gott, wie auch immer, diese Situation zu einem guten Ende bringen wird. Dass sich auch jetzt daran nichts geändert hat. Im Hebräerbrief finden wir einen Hinweis. Der Grund war Abrahams Glaube: „Abraham war überzeugt, dass Gott sogar die Macht hat, Tote aufzuerwecken.“ Bevor er und Isaak auf den Berg gehen, kündigt Abraham den zurück bleibenden Knechten ihrer beider Rückkehr an. Er hatte in Gott denjenigen erkannt, der alle Macht hat und gut ist. Wenn er etwas fordert, dann wird es, auch wenn es uns unmöglich, unverständlich und unerträglich erscheint, trotz allem gut. Weil er es versprochen hat.

Umgekehrt hat sich Gott Abraham offenbart. Ihm eine gute Zukunft verheißen, die nicht nur für Abrahams Leben Erfüllung bringt, sondern auch für alle, die von ihm abstammen. Gott bietet Abraham einen Neuanfang von Gott und Mensch an. Ein gemeinsamer Neuanfang, der über Abrahams Befindlichkeiten hinausgeht. Für den auch er Verantwortung trägt. Bemerkenswert: Bevor Gott Abraham prüft, hat er für ihn eine sichere und stabile Lebenssituation geschaffen. Gott ist in Vorlage gegangen. Alles sieht sehr gut aus. Abraham ist da, Gott ist da, alles schön. Fast paradiesisch. Hatten wir das nicht schon mal? Als Gott Abraham herausfordert, zeigt sich die Qualität der Beziehung. Wird Abraham ihm vertrauen? Ist Gottes Plan auch sein Plan? Glaubt er nur wegen des Vorteils, den er persönlich hat? Oder wird er auch an ihn glauben und ihm vertrauen, wenn sich für ihn vermeintlich alles in Luft auflöst? Wenn nur noch Gott selbst bleibt? Eine entscheidende Frage, die sich nicht nur Abraham, sondern auch uns stellt. Glauben wir Gott um seiner selbst willen? Ist unsere Beziehung zu ihm echt? Vertrauen wir ihm in guten wie in schlechten Zeiten? Halten wir an ihm fest, was auch immer geschieht? Was auch immer es von uns fordert? Weil wir erkannt haben, wer er ist. Weil wir ihm zutrauen, dass er es, wie auch immer, zu einem guten Ende bringt? Mit uns?

Als Zweites gibt Gott uns hier einen Vorgeschmack auf das, was er selbst tun wird. Dass er tut, was Menschen nicht erfüllen müssen, weil sie es nicht können. Er schont Abraham und seinen Sohn. Verlangt nicht das Opfer als Glaubensbeweis. Lässt Isaak am Leben. Stellvertretend für ihn opfert Abraham einen Widder. Isaak selbst kehrt unversehrt vom Berg zurück. Wovor Gott Abraham verschont, nimmt er später selbst auf sich. Er bringt zu Ende, was er bei Abraham stoppt. Gott gibt seinen eigenen Sohn Jesus, seinen einzigen, den er lieb hat, als Opfer hin. Stellvertretend für uns Menschen. Um den Neuanfang zu besiegeln. Ein für alle Mal. Gültig für alle Zeiten. Jesus selbst trägt das Holz auf den Hügel und stirbt am Kreuz. Freiwillig. Gott mutet sich das zu. Er kommt auf diese Welt, um die Menschen in seine Gemeinschaft zu rufen. Wird selbst Mensch. Gibt sich ganz hin für ihre Schuld. Nimmt auf sich und trägt, was immer auch geschah. Was auch immer zwischen Gott und Mensch steht. Er tut es und erträgt es. Bringt es zu Ende, auch als es unerträglich wird. Weil er es will. Weil er uns liebt. Weil es der einzige Weg ist. Weil er ist wer er ist. Wie er es versprochen hat. Damit wir Leben haben. Damit alles neu wird. Dafür gibt er alles.

„Vertraust du mir?“, fragt Gott. Ich habe nicht nur Gutes für dich bereit, ich bin gut. Immer. Jesus starb am Kreuz, damit du, damit jeder, der das glaubt, Leben darf. Mit mir. Für andere. Das ist mein Versprechen. Dazu stehe ich. Glaubst du das? Bist du dabei?

Nachzulesen u.a. in 1.Mose 22, 1-13, Hebräer 11, 17-19