Gedankenschnipsel Trockenmauer

Bei einem Spaziergang entlang des Waldrandes fällt sie mir auf. Vor allem aufgrund ihres ungewöhnlichen Standortes. Ein wenig Moos hat sie angesetzt, aber sonst steht sie noch gut da. Trockenmauern wurden in unserer Gegend eher zur Terrassierung von Wiesen, Gärten oder Rebbergen verwendet. Jetzt stehen hier mächtige Bäume, – der Schwarzwald lässt grüßen – aber, so belehrt uns ein Schild, vor mehr als hundert Jahren wuchsen hier Reben. Eine sonnige, aber steile Südwestlage – gut geeignet für den Weinanbau. Um die Fläche zu vergrößern und den Boden am Ort  zu halten wurden aus Steinen, die vor Ort zu finden waren, Trockenmauern gebaut. Dabei macht man sich auch zunutze, dass die Mauern die über den Tag gespeicherte Wärme über Nacht an den Boden abgeben und so die Auskühlung der Flächen verhindern.

Sie werden ohne Zuhilfenahme von Mörtel errichtet. Es ist die älteste Form des Mauerbaus. Sie sind, obwohl sie auf den ersten Blick nicht unbedingt so wirken, viel stabiler und dauerhafter als verfugte Mauern. Es braucht handwerkliches Geschick und einen guten Blick für die Steine. Die gleichmäßigste Kante wird nach vorne gelegt, um ein möglichst schönes Gesamtbild zu erzielen. Für jeden Stein, egal wie groß und wie geformt, muss der passende Platz gefunden werden. Fügen sie sich zueinander sind sie zusammen von Dauer. Sie geben sich gegenseitig Stabilität. Jeder hat hier eine tragende Rolle.

In Gottes Augen sind wir wie solche Steine. Werden von ihm gefunden, da wo wir sind. Jeder ist brauchbar. Trotz mancher Ecken. Mit unseren Kanten. Sorgsam von ihm eingefügt an den Platz, den nur wir ausfüllen können. An dem wir richtig sind. Um miteinander von Dauer zu sein. Gemeinsam zu tragen. Einander zu stützen. Wärme zu spenden. Damit etwas wachsen kann. Überlassen wir uns den Händen des einen, guten Maurers, der uns in sein Werk ruft als lebendige Steine?

Lassen wir uns rufen Trockenmauermenschen zu werden?