Gutes tun?!

Nicht arbeiten, lieber chillen und trotzdem gut versorgt sein. Sich um nichts kümmern müssen. Geborgen sein innerhalb der Gruppe. Ein kuscheliges Leben haben. Alle sind ja so nett! Was für eine Idylle. So dachte sich das zumindest eine Gruppe in der Gemeinde in Thessalonich.

Eine Gemeinde, die es offensichtlich gut hinbekam, sich umeinander zu kümmern. Sie hatten ein großes Herz, diese Thessalonicher. Immer bereit Gutes zu tun. Jedem und jederzeit. Ganz egal – wer etwas brauchte, bekam was fehlte. Es wurde sich geschwisterlich umeinander gekümmert. Jeder wurde mitgetragen, jeder durchgebracht. Klingt doch eigentlich toll, oder?

Tatsächlich aber schossen sie damit über das Ziel hinaus. Denn: Wer selbst arbeiten, sich selbst versorgen kann, sollte das auch tun. Jeder sollte seine Arbeitskraft einsetzen, um das tägliche Leben selbst sicherstellen zu können. Im Brief an die Thessalonicher wird Paulus da ziemlich deutlich: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ Upps. Die idyllische Gruppe lag voll daneben. Sie hatten die Großzügigkeit ihrer Gemeindegeschwister als Rundumsorglospaket missbraucht. Sich auf Kosten der anderen ein lässiges Leben gemacht. Und ihre Zeit nutzlos vertan.

Die anderen, die sie versorgt hatten, lagen aber auch daneben: „So geht das nicht“, sagte Paulus zur Gemeinde, „ihr müsst mit diesen Leuten reden und sie ermahnen, für sich selbst zu sorgen. Die können das. Und es ist auch ganz normal das zu tun. Jeder muss für sich selbst Verantwortung übernehmen. Das heißt nicht, dass ihr aufhören sollt Gutes zu tun. Im Gegenteil. Aber nur dort, wo es wirklich nötig ist. Es gibt genügend Menschen, die eure Fürsorge wirklich brauchen. Witwen und Waisen, zum Beispiel, haben sie bitter nötig. Aber für jemanden Verantwortung zu übernehmen, der das selbst kann, ist nicht nur unnötig, sondern auch schädlich für alle.“

Wenn wir jetzt denken, dass uns das Thema nichts angeht, weil wir – Gott sei Dank – in einem Land mit einem einigermaßen gut funktionierenden sozialen Sicherungssystem leben, dann ist das zu kurz gedacht. Denn im Alltag vieler Gemeinden – und nicht nur da – ist diese Frage hochaktuell. Nur geht es dabei in der Regel nicht um die tägliche Versorgung mit Lebensmitteln, sondern um die Versorgung mit geistlicher Nahrung. Um Gemeinden, die ihren Mitgliedern und Gästen Häppchen für Häppchen biblische Köstlichkeiten reichen, ohne dass diese sich selbst darum bemühen müssen. Regelmäßige Predigt am Sonntag – theologisch ausgewogen natürlich. Berührende und zeitgemäße Anbetungszeit, mit Band selbstverständlich und musikalisch hochwertig, inklusive. Geburtstagsbesuche durch den Pastor 😉 und eine kuschelige Kleingruppe – jederzeit bereit für meine Anliegen im Gebet einzustehen. Es sollen sich ja alle wohlfühlen.

Versteht mich nicht falsch. All das ist gut, kann richtig und – warum auch nicht – wünschenswert sein. Ein echter Segen. Wenn, ja wenn nicht welche anfangen sich darauf auszuruhen. Viel zu leicht und oft erst unmerklich verschiebt sich der Fokus mancher darauf, sich von anderen ernähren zu lassen. Ist ja auch so schön und so kuschelig. Man wird umsorgt und entertaint. Dumm nur, wenn das Menü oder die Performance manchmal nicht mehr so richtig schmecken. Dann sucht man vielleicht nach einer anderen Gemeinschaft, die das besser macht.

Aber auch hier liegt das Problem nicht nur auf einer Seite. Wieder liegen beide falsch: Die, die sich ernähren lassen, genauso wie die, die dieses Spiel mitspielen. Die, die ernähren anstatt denen, die es selbst könnten, mal ordentlich die Meinung zu geigen. Liebevoll natürlich. Die statt den anderen zu füttern ihr oder ihm lieber eine Anleitung geben sollten, wie das aussehen kann, für sich selbst zu sorgen. Die statt alles vorzudenken, die anderen ermutigen sollten, selbst aus Gottes Wort zu schöpfen. Dabei durchaus Hilfestellung geben, aber eben auch nicht mehr.

Statt vorschnell Verantwortung für den anderen zu übernehmen, lieber zu erwarten, dass jeder etwas beizutragen hat. Denn das ist der springende Punkt – Verantwortungsübernahme für jemanden, der das selbst kann, ist für alle schädlich: Denn damit wird nicht nur derjenige, der sich betüddeln lässt, um ein eigenständiges und befriedigendes (Glaubens)Leben gebracht – also um eine persönliche tiefe Beziehung zu Jesus. Sondern auch die Gemeinde beraubt sich und andere all dessen, was derjenige einzubringen hat. Gottes gute Gaben und seine gute Nachricht landen dann in einer Einbahnstraße, statt den Weg zu denen zu finden, die sie wirklich brauchen. Einander Gutes zu tun bedeutet deshalb zu geben, was der andere zum selbstverantwortlichen Leben braucht. Damit sollen wir niemals aufhören. Danke Paulus.

Nachzulesen in 2. Thessalonicher 3, 6-14