Machtlos

Sie wollten sie einfach nur noch loswerden. Wo immer sie auftauchte, kam es zu merkwürdigen Ereignissen: Götterstatuen fielen um, die Bevölkerung wurde von Geschwüren geplagt, manch einer starb und überall war Jammern und Stöhnen zu hören. Also weg mit dem Ding, so schnell wie möglich.

Über was sie sich zuerst so gefreut hatten, entpuppte sich als Bedrohung. Dabei hatten sie gedacht, dass sie die Stärkeren seien. Hatten sie den Israeliten nicht eine große Niederlage zugefügt? Obwohl die zum ultimativen Schlag ausgeholt hatten und Gott selbst mit der Bundeslade aufs Schlachtfeld getragen hatten. Zuerst hatten sie an ihren sicheren Untergang geglaubt. Wer konnte schon gegen den Gott Israels bestehen. Trotzdem hatten sie sich mutig in die Schlacht gestürzt. Mann oder Memme? Was für eine Frage: Philister stehen ihren Mann! Seit Jahren schon flammen die Kämpfe zwischen ihnen und den Israeliten immer wieder auf. Aber dann hatte die Anwesenheit Gottes keinerlei Auswirkungen gezeigt. Im Gegenteil. Besiegt flohen die Israeliten in ihre Zelte. Und die Bundeslade fiel in die Hand der Philister.

Die Bundeslade: ein tragbarer Kasten aus Akazienholz. Schmuckvoll gearbeitet und mit Gold überzogen. Auf dem Deckel thronen zwei Cherubim. Zwischen ihren Flügeln wollte Gott den Israeliten begegnen. Und jetzt fällt der Gott, dem alle Macht gegeben ist, scheinbar machtlos in die Hand der Feinde. Für die Israeliten eine Katastrophe. Wer waren sie denn ohne Gottes Anwesenheit? Für die Philister der Beweis ihres totalen Sieges. Sie und ihr Gott waren stärker als der Gott Israels.

Es fällt uns ja nicht immer so leicht, uns diesen Geschichten von blutigen Kriegen im ersten Testament auszusetzen. Eine Freundin sagte neulich: „Vor dem Frühstück schon diese ganzen Schlachtberichte zu lesen ist auch nicht so der ganz positive Start in den Tag.“ Stimmt, das ist schon herausfordernd. Und doch mutet uns Gott das zu, damit wir die Zusammenhänge sehen können. Den roten Faden in der Story der Bibel entdecken.

Für die Israeliten war der Verlust der Lade vergleichbar mit dem Verlust ihrer Identität. Durch das Annehmen von Gottes Bund in der Wüste wurden sie sein Volk. Und jetzt hatte er sie einfach sich selbst überlassen. Wie kann das sein? Am Ende der Geschichte finden wir die Erklärung: Sie hatten fremde Götter angebetet. Sich Götzenbilder hergestellt und ihnen gedient. Nicht Gott hatte sich von ihnen einfach abgewandt, sondern sie. Gott, dass vergessen wir manchmal, nimmt unsere Entscheidungen ernst. Auch dann, wenn es ihn persönlich schmerzt, weil er treu und verlässlich ist. Auch dann, wenn er mit ansehen muss, wie die Menschen ohne ihn ins Verderben rennen.

Die Philister mussten dafür ziemlich schnell feststellen, dass die Lade nicht so machtlos war, wie sie geglaubt hatten. Nach sieben Monaten haben sie genug. Nachdem der gruselige Kasten von einem Ort in den anderen abgeschoben wurde, schmieden sie einen Rückgabeplan. So ganz sicher scheinen sie sich noch nicht zu sein, dass es sich wirklich um Gottes Wirken handelt. Deshalb erdenken sie sich eine Szenerie, die eigentlich nicht funktionieren kann. Kühe und ihre Kälber spielen darin eine entscheidende Rolle. Nur wenn Gott die Zügel in der Hand hält, kann es gelingen. Und genau so kommt es. Die Bundeslade kommt ohne menschliches Zutun zurück zu den Israeliten.

Durch beide, die Israeliten und die Philister können wir etwas über Gott lernen.

Von den Israeliten lernen wir, dass Gottes mit seiner Macht denen beisteht, die ihm treu sind. Denen, die zu ihm gehören wollen. Die ihn und ihre Entscheidung, mit ihm unterwegs zu sein, ernst nehmen. Auf ihn hören und danach handeln. In einer Beziehung mit ihm stehen. Ihn lieben. Gottes Macht ist ohne Gott nicht zu haben. Wir können nicht darüber verfügen und ihn für unsere Zwecke einsetzen. Die Israeliten mussten das schmerzhaft oft lernen. Doch wann immer sie sich von ihren Götzen ab und Gott wieder zuwandten, war ein Neuanfang möglich. Beides gilt auch für uns.

Die Philister haben Gottes Macht gründlich unterschätzt. Nun mussten sie entdecken, dass Gott derjenige ist, dem alles möglich und alles untertan ist. Mussten erleben, dass nicht nur sie persönlich ihm gegenüber machtlos sind, sondern auch ihr Gott. Ein Gott, den sie sich selbst erschaffen haben und den sie für mächtig halten. Auch wenn es bei den Philistern nicht dazu führte, dass sie sich dem einzig wahren Gott zuwandten, so lagen sie doch mit ihrer Einschätzung richtig: „Wer kann uns vor dem lebendigen Gott retten?“ Als sie ihn bei der Rückgabeaktion der Lade auf die Probe stellten rechneten sie ganz bewusst mit seiner allumfassenden Macht. Sie hatten verstanden wie mächtig Gott ist. Auch wenn sie ihn mit aller Macht loswerden wollten. Auch davon können wir lernen: Wir haben es mit einem mächtigen Gott zu tun.

Und schon hier, mehr als tausend Jahre bevor Jesus als Retter auf diese Welt kommt, bekommen wir einen Vorgeschmack davon, wie Gott handelt: dass es Gott selbst ist, der mit seiner Macht dafür sorgt, dass er zu den Menschen zurückkehrt. Gott kommt zu den Menschen. Er ist und bleibt treu. Dieses Mal transportieren ihn zwei Kühe. Ein anderes Mal wird es ein junger Esel sein. Klar ist auf jeden Fall: all das ist kein Zufall. Und alle anderen Mächte sind dagegen machtlos.

Es lohnt sich also auch in den Texten des ersten Testamentes zu Hause zu sein und Gott von Anfang an kennenzulernen. Diese Geschichte solltet ihr euch also nicht entgehen lassen.

Nachzulesen in 1.Samuel, Kapitel 4 – 6