Wie es nach der Jahreslosung weitergeht
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, sagte Jesus zu seinen Zuhörern und Jüngern. Dieser Satz fällt während einer herausfordernden Rede in der Synagoge in Kapernaum. Er wurde ausgewählt als Jahreslosung für das Jahr 2022. Besonders zu Jahresbeginn wurde über diese Einladung Jesu geschrieben und gepredigt. Postkarten und Kalender sollen uns auch weiterhin an dieses Wort erinnern und mit uns durchs Jahr gehen. Und das ist ja auch gut so. Aber wie geht es denn jetzt weiter? Wie ging es für die Jünger damals weiter und wie für uns?
Denn nach dieser Rede gingen viele, die Jesus bisher gefolgt waren, empört weg. Das veranlasste Jesus seine zwölf Jünger zu fragen, was sie tun würden. Zu Jesus gekommen waren sie ja. Aber was war jetzt? „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ antwortete Simon Petrus. „Du hast Worte, die zum ewigen Leben führen und wir glauben und haben erkannt, du bist der Heilige, den Gott gesandt hat.“
Jetzt ist also alles gut. Die Jünger sind zu Jesus gekommen und haben ihn als den Retter erkannt. Gott und Mensch sind wieder zusammen gekommen. Möglich wird das, weil Jesus am Kreuz für die Schuld aller Menschen sterben wird. Für sie einsteht. Das wissen die Jünger zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber es gilt auch für sie.
Aber damit endet es eben nicht, denn Jesus kommentiert diesen Satz von Petrus. Und das hat es in sich. Jesus antwortet: „Habe ich nicht euch alle zwölf erwählt? Und doch ist einer von euch ein Teufel!“ Das klingt ganz schön krass und bringt unsere Kreuzesseligkeit doch ein bisschen ins Schwanken. Es gibt auch keine Bibelübersetzung, die das ein bisschen geschmeidiger ausdrückt.
Johannes, der das Evangelium geschrieben hat, erklärt dazu, was gemeint ist. Es geht um Judas und darum, dass er Jesus verraten würde. Den Zwölfen war das zu dem Zeitpunkt aber nicht klar. Jeder konnte derjenige sein. Aber es scheint Johannes wichtig, das hier zu erwähnen.
Petrus antwortet stellvertretend für die Zwölf. Hat er mehr kapiert oder war er einfach mal wieder der, der am schnellsten herausplatzt? Jesus gibt ihm zu verstehen, dass er nicht für alle antworten kann. Nur für sich selbst. Und damit präsentiert uns Johannes ein spannendes Nebeneinander von Petrus und Judas, das es sich lohnt anzuschauen.
Beide sind Teil des engsten Jüngerkreises. Sie werden drei Jahre intensiv Zeit mit Jesus verbringen. Sie sind diejenigen, die Jesus aussenden will in seinem Namen, als seine Botschafter, seine Stellvertreter, um der ganzen Welt die Nachricht zu bringen, dass er der Retter ist. Beide werden Jesus verraten. (Wie die anderen 10 übrigens auch.) Und beide bekommen attestiert ein Teufel zu sein.
Judas tut einem ja manchmal fast ein wenig leid. Der hatte doch von Anfang an die schlechten Karten auf der Hand. Das musste ja so kommen, denken wir manchmal. Der trägt ja schon immer den Verräterstempel. Aber davon müssen wir uns verabschieden. Judas hatte genau wie jeder andere die Verantwortung für das was er tat. Dass Gott davon schon wusste und dass der Verrat Teil der Geschichte werden würde, ändert daran gar nichts. Judas entschied sich ganz bewusst dafür, Jesus zu verraten.
Judas hatte sich von Jesus rufen lassen. Genug Vertrauen und Zutrauen in ihn aufgebracht, um alles zurückzulassen und ein Leben auf sich zu nehmen, das lange Fußmärsche, viel Staub, wenig Komfort und wenig Sicherheit bot. Er hat seine Hoffnung auf Jesus gesetzt. Aber irgendwann deckte sich seine Hoffnung nicht mehr mit dem, was Jesus wollte.
Es gibt verschiedene Theorien über die Beweggründe. Eine lautet, dass er fest damit rechnete, dass Jesus den Umsturz bringen und die Römer besiegen würde. Als Jesus, seiner Wahrnehmung nach, zu lange zauderte, wollte er die Sache durch seinen Verrat beschleunigen. Ihn in Zugzwang bringen. Damit das Reich endlich aufgerichtet würde.
Eine andere Theorie legt den Fokus darauf, dass er versuchte, aus der ganzen Jüngergeschichte für sich selbst Profit zu schlagen. In Johannes 12,6 lesen wir, dass er sich immer mal wieder aus der gemeinsamen Kasse bediente. Ein Dieb, dem Geld wichtiger geworden war als die gute Nachricht. Da kamen die Silberstücke, die er für den Verrat bekam, doch gerade recht.
Wie auch immer: in jedem Fall hatten sich seine Prioritäten verschoben. Anschließend wird ihm bewusst was er getan hat.
Petrus hatte sich auch von Jesus rufen lassen und sein Fischefängerleben in ein Menschenfischerleben umgetauscht. Sein Vertrauen in Jesus und seine Begeisterung scheinen ziemlich groß gewesen zu sein. Er hatte seine ganze Hoffnung auf Jesus gesetzt.
Aber auch er wird von Jesus einmal Teufel genannt. In Matthäus 16 hat er gerade noch Gummipunkte gesammelt für seine Erkenntnis, dass Jesus der Messias ist. Um direkt im Anschluss von Jesus Teufel genannt zu werden. Weil er ihn davon abbringen wollte, nach Jerusalem zu gehen und am Kreuz zu sterben.
Als Jesus dann tatsächlich verhaftet wird und es für Petrus eng wird, verleugnet er ihn. Dreimal. Wird genauso zum Verräter. Die Angst um die eigene Haut ist ihm wichtiger geworden als die gute Nachricht.
Seine Prioritäten haben sich verschoben. Anschließend wird ihm bewusst, was er getan hat.
Johannes bringt die beiden nicht ohne Grund in diesen Versen, die wir heute lesen, zusammen. Er weitet uns den Blick. An den beiden können wir sehen, dass Bleiben nicht aus einer einmaligen Entscheidung heraus erfolgt, sondern aus der täglichen Entscheidung unsere Priorität auf Jesus zu setzen. Wenn deine Priorität Jesus ist: Herzlichen Glückwunsch. Wir sollten uns aber nicht überschätzen, dass sich unsere Prioritäten nicht auch verschieben könnten. Das passiert manchmal ganz absichtlich, manchmal fast unmerklich. Immer dann, wenn uns etwas wichtiger erscheint, als mit Jesus unterwegs zu sein.
In seiner Rede auf dem Berg sagt Jesus: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ Und die Frage ist nicht, ob du einen Schatz hast. Jeder hat einen Schatz. Etwas was ihm wichtig ist. Die Frage ist nur wer oder was es ist. Das können Erfolg, Geld oder Prestige sein. Aber auch sonst alles Mögliche. Ein Hobby, ja sogar der Ehepartner, die Familie. Manchmal klingt es sogar ganz fromm. Judas argumentierte auch fromm, als es darum ging, ob man das Geld für das Salböl nicht lieber in die Armenkasse gesteckt hätte. Tatsächlich erhoffte er sich davon was abzweigen zu können.
Alles was wir tun, sogar das hingebungsvollste Dienen, das großzügigste Geben, das Übernehmen von Verantwortung, was auch immer, kann uns sowohl zu Jesus hin also auch von ihm wegführen. Denn bei allem kommt es darauf an, wo unsere Prioritäten sind. Eine ehrliche Antwort auf folgende Frage hilft uns selbst zu entlarven:
Bringt uns das, was uns wichtig ist, was wir tun, wofür wir Zeit aufbringen, womit wir uns beschäftigen, wofür wir uns begeistern, näher zu Jesus oder von Jesus weg?
Jeden Tag stehen wir in der Entscheidung bei Jesus zu bleiben. Petrus und Judas haben das beide mit dem Bleiben nicht hingekriegt.
Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Und das ist, was sie danach machen.
Nachdem Judas mitansehen musste, wie sich sein Verrat ausgewirkt hatte, bereut er seine Tat. Er versucht nicht nur das Geld zurückzugeben. Er sucht Vergebung bei den führenden Priestern und Ältesten. Gerade bei denen, die Jesus feindlich gesinnt waren. Aber von ihnen gibt es keine Hilfe. Keine Hoffnung. Keinen Ausweg. Verzweifelt entscheidet er seinem Leben selbst ein Ende zu setzen.
Petrus flieht in die Nacht, nachdem er Jesus verraten hatte. Verzweifelt und weinend. Am Kreuz finden wir ihn nicht unter den Zuschauern.
Am leeren Grab ist er dabei, staunend. Er geht, zusammen mit den anderen, nach Hause und fängt wieder an Fische zu fangen. Aber als er den auferstandenen Jesus am See Genezareth am Ufer stehen sieht, da gibt es für ihn kein Halten mehr. Er will nur wieder bei ihm sein. Er kommt zu ihm und der Neuanfang ist möglich.
Petrus sucht die Vergebung an der richtigen Stelle. Bei dem Richtigen. Bei Jesus. Niemand sonst kann uns Vergebung gewähren. Hier bewahrheitet sich, was er in unserem Text sagt: „Du hast Worte des ewigen Lebens“. Und das gilt, wenn wir das erste Mal zu Jesus kommen, und das gilt auch, wenn wir zu Jesus wiederkommen. Das gilt auch wenn wir abgedriftet sind. Von Jesus weg gedriftet. Wenn sich unsere Prioritäten verschoben haben. Wir dürfen zu ihm zurückkommen. Immer. Immer wieder. Weil Gott treu, wahr und verlässlich ist.
Wenn du angefangen hast mehr dein eigenes Ding zu machen als Gottes Ding. Wenn du merkst, dass du Jesus irgendwie nicht mehr nahe bist. Wenn du dich entschieden hast gerade nicht mit ihm unterwegs sein zu wollen. Wenn du einen Cut gemacht hast mit Jesus. Wenn du nur so tust als ob du mit Jesus unterwegs wärst. Wenn dir dein Glaube nach und nach nicht mehr so wichtig geworden ist. Wenn dein Glaube durch ein Ereignis, an dem du schwer trägst, ins Schleudern geraten ist. Wenn es deine Kraft zu übersteigen scheint zu glauben. Wenn du keinen Ausweg mehr siehst. Wenn du denkst, ich kann doch nicht schon wieder ankommen. Total egal. Sag ihm einfach, dass du wieder bei ihm sein willst.
Denn wenn du zu Jesus zurückkommst, bist du willkommen. Selbst Judas hätte zu Jesus zurückkommen können. Dass er es nicht getan hat, ist das eigentlich Tragische an seiner Geschichte.
Komm, sagt Jesus, ich werde dich nicht abweisen.“ Das ist ein Versprechen.
Nachzulesen u.a. in Johannes 6, 66 – 70

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