Nicht mitbekommen

„Woher kommst du denn?“ Die beiden können es nicht fassen. Gerade haben sie die Stadt verlassen, um in ihr Heimatdorf zurückzukehren. Wie kann ihr Mitwanderer, der sich ihnen spontan auf dem Weg angeschlossen hat, davon einfach nichts mitbekommen haben? Die ganze Stadt spricht davon. Jeder, wirklich jeder hat es mitgekriegt. Es ist das Gesprächsthema. Er ist das Gesprächsthema. Die antike Social Media brodelt – von einem Ende von Jerusalem zum anderen. Die ganze Stadt ist seit drei Tagen in Aufruhr. „Du bist wohl der Einzige hier, der nicht weiß, was passiert ist!“

„Was ist denn passiert?“, fragt der scheinbar Ahnungslose. Und da legen sie los. Na, das mit Jesus, also dem Jesus von Nazareth. Ein großer Prophet war er. Wunder hat der rausgehauen, Wunder, da konntest du nur staunen. Und wie der von Gott geredet hat. Aber nicht allen hat das gepasst: Unsere führenden Priester und die Ratsmitglieder, die haben ihn zum Tod verurteilen lassen. Und dann wurde er gekreuzigt. Und starb. Und wir hatten doch so gehofft, so gehofft, dass er der erwartete Retter Israels ist. Und dann, dann war diese Hoffnung einfach gestorben. Im Grab verschwunden. Und ob das nicht genug wäre haben ein paar Frauen von uns heute Morgen das Grab leer gefunden. Jesus lebt, haben sie gesagt. Das soll mal verstehen wer will. Aber das Grab, das war wirklich leer, als wir nachgesehen haben.

„Aha“ oder „Das klingt ja interessant“ oder so etwas Ähnliches hätte man jetzt wohl als Reaktion erwartet. Aber der scheinbar ahnungslose Mitwanderer sagt: „Mann, ihr seid aber echt begriffsstutzig. Ist es denn so schwer zu glauben, was die Propheten seit Hunderten von Jahren gesagt haben? Das musste doch alles so kommen.“

Und dann dreht er den Spieß einfach um. Und erklärt den beiden von Mose bis zu den Propheten, also vom Anfang bis zum Ende der damals bekannten Schriften, warum alles genau so mit Jesus geschehen war. Nicht er, sondern sie sind wohl die, die das Wichtigste nicht mitbekommen haben.

Und sie hören ihm zu. Zwei bis drei Stunden – dann sind sie an ihrem Heimatort angekommen. Sie bieten ihm ein Nachtlager und Essen an. Die übliche Gastfreundschaft, aber sicher auch der Wunsch von diesem seltsamen Mitreisenden noch mehr zu erfahren. Beim Abendessen bricht er das Brot. Komisch – das war doch eigentlich die Aufgabe des Gastgebers. Diese Art, diese Geste, dieses Setting. Klar doch. Plötzlich erkennen sie ihn –  wissen, wer er ist. Es fällt ihnen wie Schuppen von den Augen. Jetzt macht alles Sinn. Ihr Reisegefährte ist Jesus selbst und ganz eindeutig: er lebt.

„Haben wir es nicht schon die ganze Zeit irgendwie gespürt?“, sagen sie zueinander, „unser Herz brannte doch irgendwie, als er mit uns redete und uns die Heilige Schrift erklärte.“ Plötzlich ist aus ihrer Hoffnung Gewissheit geworden. Wie ist das passiert?

Ja, sie kannten Jesus. Sie haben ihn beobachtet. Sein Reden, seine Taten, all das war ihnen bekannt. Sie hatten gehofft, dass er der Retter sei. Sicher waren sie sich wohl nicht. Ja, er hatte davon gesprochen, dass er sterben und auferstehen würde. Aber erst jetzt, nachdem es geschehen war und sie ihm zuhörten – er ihnen anhand der Geschichte Gottes mit den Menschen erklärte wer der Retter ist – erst jetzt fingen sie an zu verstehen. Ihr Herz brannte – sie konnten spüren wie die Kraft Gottes anfing in ihnen zu wirken, auch wenn sie es erst im Rückblick einordnen konnten. Und dann gehen ihnen die Augen auf: Genau in dem Moment, der für sie einen persönlichen Bezug zu Jesus herstellt. Wie oft hatte Jesus abends das Brot für sie gebrochen. Und hatte er nicht davon geredet, dass er selbst das Brot des Lebens sei. Ja, er ist es, er ist der Retter und er lebt, das ist ihnen ganz persönlich in diesem Moment klar geworden.

Seit seiner Geburt ist Jesus aus der Weltgeschichte nicht mehr wegzudenken. Er ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten überhaupt. Sogar unsere Zeitrechnung richtet sich nach ihm. Man kennt ihn. Wir kennen ihn. Mehr als genug wurde über ihn geschrieben. Von ihm geredet, gesungen, gemalt, gedichtet und was alles noch. Für all die, die trotzdem noch nicht mitbekommen haben wer er ist oder vielleicht einfach nur gehofft, aber bisher nicht kapiert haben, gibt es eine gute Nachricht. Denn für sie gilt das Gleiche wie für die zwei, die damals unterwegs nach Hause waren:

Gott ist immer bereit uns zu erklären, wer Jesus ist. Wie die ganze große Story von Gott und Mensch vom Anfang bis zum Ende aussieht. Warum Jesus das Zentrum von allem und der Retter für uns ist. All das können wir in seinem Wort – der Bibel – nachlesen. Wenn wir in ihr lesen ist es so, als würde Jesus selbst uns begleiten und wir fangen an zu verstehen. So fängt auch unser Herz an zu brennen und Gottes Kraft in uns zu wirken. Plötzlich werden wir durch das, was wir lesen, persönlich angesprochen: Jesus, du bist schon immer da und jetzt habe ich kapiert, dass du wirklich lebendig bist. Plötzlich gibt es Bezugspunkte zwischen ihm und mir. Da war doch das Gebet, das meine Oma immer gesprochen hat und bei dem ich mich so sicher gefühlt habe. Da ist doch mein Staunen über die Schönheit der Natur, die mich auf einen Schöpfer hoffen lässt. Diese Sehnsucht nach Beziehung, die mich in Liebesliedern immer so berührt. Der Wunsch, wenn ich mich vergaloppiert habe, nach einem Neuanfang. Die Hoffnung, dass es doch einen geben muss, der alles wieder gut macht. Du bist es, Jesus. Jetzt erkenne ich dich.

Für jeden ist es anders, dieser Moment, diese Bezugspunkte, ganz persönlich eben. Aber du kannst sicher sein: Jesus wird sich dir als der Lebendige zu erkennen geben, wenn du bereit bist auf ihn zu hören und ihn zu dir einzuladen.

Nachzulesen in Lukas, 24, 13 – 35