Stolz

Sie waren schon cool. Eine beeindruckende Entwicklung, die sie gemacht hatten. Philosophischen Background brachten sie bereits mit. Starke Referenten begleiteten sie jahrelang. Intensives Coaching inbegriffen. Maximaler Erkenntnisgewinn. Sie waren etwas Besonderes – davon waren sie überzeugt. Schließlich zeigte sich ständig, was für eine begabte Gemeinschaft sie waren. Sie wussten Bescheid. Sie wuppten es. Zumindest dachten sie das.

Aber dann gab es Zoff. Auslöser war die Fan-Frage. Also welchen ihrer Lehrer sie bevorzugten. Die einen hatten ihren Stammplatz in der Paulus-Kurve gefunden. Die anderen schworen auf die Apollos-Haupttribüne. Aber auch die Petrus-Stehplätze waren sehr beliebt. Ein paar, die sich als Christusfans outeten, gab es auch.

„Habt ihr sie noch alle?“, fragt Paulus die Gemeinde in Korinth, als ihm die Streitigkeiten zu Ohren kommen. „Da läuft doch was gewaltig schief bei euch. Wie kann das denn sein? Gerade ihr, die ihr so reich beschenkt worden seid. Merkt ihr nicht, dass ihr euch wie die kleinen Kinder benehmt? Ihr haltet euch für so klug, aber aus euch ist ein eifersüchtiger und streitsüchtiger Haufen geworden.

Es geht doch nicht um die Lehrer, die euch unterrichtet haben. Jeder von ihnen, mich eingeschlossen, hat dazu beigetragen, dass ihr Jesus erkennen und im Glauben wachsen konntet. Das war unser Job – euch zu dienen. Aber der, der dafür sorgt, dass das möglich ist: Das ist Gott allein. Das wurde euch geschenkt. Genauso wie eure Erkenntnis, die ihr so stolz vor euch hertragt. Wie eure vielfältigen Begabungen – Gaben des Geistes – für die ihr bekannt seid. Nichts davon ist euer Verdienst. All das ist ein Geschenk Gottes.“

„Und wenn ich mir eure Gemeinde so anschaue“, schreibt Paulus weiter, „dann sehe ich, wie sehr sich eure Selbstüberzeugung schon in allen Bereichen eures Lebens ausgebreitet hat. Ihr seid so stolz, weil ihr meint, den Durchblick zu haben. Dabei steht euer eigener Vorteil im Vordergrund. Und wo hat euch das hingeführt: Wegen alltäglichen Kleinigkeiten zerrt ihr euch gegenseitig vor Gericht. Ihr feiert gemeinsam Gottesdienst, aber ob der andere genug zum Essen hat, ist euch völlig egal. Rücksichtnahme scheint für euch ein Fremdwort geworden zu sein. Habt ihr vergessen, was Christus für euch getan hat? Was also habt ihr, was ihr nicht empfangen habt?“

Au weia. Das muss für die Korinther gesessen haben. Und wenn Paulus dann auch noch im sogenannten Hohelied der Liebe sagt: „Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie ist nicht neidisch oder überheblich, stolz oder anstößig. Die Liebe ist nicht selbstsüchtig“, dann klang das für die Korinther nicht so poetisch, wie wir das gerne wahrnehmen. Das war viel eher: „Treffer, versenkt!“

Autsch. Bei mir auch versenkt. Denn nichts finde ich so schwer zu händeln, wie etwas gut zu können. Wie eine Gabe einzusetzen, die der Heilige Geist in mir geweckt hat. Begabt zu sein, das stellten nicht nur die Korinther fest, ist ein mindestens dreischneidiges Schwert – falls es so etwas geben sollte. Um was für eine Art von Begabung es sich handelt, spielt dabei übrigens keine Rolle. Alle sind gleich wichtig. Da ist Paulus glasklar. Aber wie sieht es aus, dieses dreischneidige Schwert?

Die eine Seite: Begabt zu sein macht total Spaß. Es ist befriedigend, weiterzugeben, was man kann. Mit der Begabung etwas einzubringen, was gebraucht wird. Zu erleben, es macht einen Unterschied, was man beisteuert. Zu sehen: Ich kann was. Ich kann das. Seine Kraft wirkt in mir. Ich erlebe sein Handeln. Gott tut etwas durch mich und mit mir. Er möchte, dass ich etwas beitrage. Ich bin ein Teil des Ganzen. Sein Reich wächst. Das tut mir und anderen gut. Staunen und Dankbarkeit werden bei mir größer dadurch. Jesus wird mir größer dadurch.

Die zweite Seite: Manchmal ist begabt zu sein eine ganz schöne Last. Ich möchte mich dem nicht entziehen, was Gott in mich hineingelegt hat. In der Gabe liegt die Aufgabe. Ganz schön herausfordernd manchmal. Das bedeutet auch dran zu bleiben. Die Gabe zu entwickeln. Kraft und Zeit zu investieren, damit sie sich entfalten kann. Durchzuhalten statt aufgeben. Gott zu vertrauen, auch wenn es mal kompliziert oder schwierig wird. Auch in unsicheren Situationen oder Zeiten mutig weiterzugehen.

Die dritte und, wie ich finde, herausforderndste Seite (Korinther, ich bin ganz bei euch): Mit Stolz umzugehen. Es macht was mit uns, wenn wir etwas können. Ja, es stärkt uns und das ist auch gut so. Jeder Mensch braucht es, für das, was er ist und kann, Wertschätzung zu bekommen. Kinder, die das nicht erleben, leiden daran oft ein Leben lang. Und Erwachsene brauchen das genauso.

Und doch: Wir sind so anfällig für Stolz. Ich bin so anfällig für Stolz. Die Wahrnehmung verrutscht einfach leicht von: „Gott hat mich begabt“ in „Ich bin so toll!“ Und damit geht auch ganz schnell einher: „Der andere ist vielleicht nicht ganz so toll wie ich.“ „Ich bin die, die weiß, wie es geht.“ „Gebt mir den Applaus, den ich verdiene.“ Aber auch der Druck steigt: „Ich muss mir und anderen beweisen, dass ich toll bin, denn – im schlimmsten Fall – fehlt mir sonst der Kick.“

„Was also hast du, was du nicht empfangen hast?“ Dieser Vers bringt es für mich auf einen guten Punkt. Wann immer ich mit meiner Wahrnehmung verrutsche, bringt mich dieser Satz wieder auf den Boden der Tatsachen. Meistens reicht es, diese Erkenntnis im Hinterkopf zu haben. Bin ich dennoch zeitweise schwerhörig unterwegs, wird es aber auch mal handfester. Dann lässt mich Gott auch schon mal ordentlich die Nase anrennen. Das kann auch heilsamen Zerbruch bedeuten – durch den mein Blick wieder auf Jesus gelenkt wird.

Von meiner Anfälligkeit für Stolz zu wissen, hilft mir, mich immer wieder einzunorden und wieder mehr auf seine Kraft zu vertrauen und weniger auf meine. Es macht mich dankbarer. Denn Gott meint es gut mit mir. Und mit den anderen. Denn was ich bekommen habe – es lädt mich ein, es mit ihm und durch ihn zu machen. Und das ist gut so.

(Nachzulesen im 1. Brief an die Korinther, „Was also hast du, was du nicht empfangen hast.“ 1. Kor. Kapitel 4, Vers 7)