Augenblick Stillstehen

Immer wieder komme ich hier vorbei. Eine schmale Fußgängerbrücke, die den Fluss, der unserem Tal den Namen gibt, seit vielen Jahren überquert. Jedes Mal bleibe ich eine kurze Zeit hier stehen. Schau den Flusslauf entlang. Werde still.

Krame ein wenig in meinen Flusserinnerungen: In der Sommerhitze von der Wehrmauer ins tiefe Becken springen. Im Wasser watend nach Fischen und anderem Getier Ausschau halten. Unter den Schiebern in den Kanal tauchen. In knackigen Wintern Enten mit gekauftem Brot füttern. Den Nebel flussaufwärts das Tal hochkriechen sehen. Früher gab es hier Möwen im Winter. Wie wir auf der halbfertig gebauten Brücke saßen. Und, ach so vieles fällt mir da ein.

Und dann, dann schaue ich einfach hin. Genieße den Heute-Blick. Das Wehr ist viel bewachsener jetzt. Wie hoch das Gras gerade steht. Das Wasser rauscht durch die Fischtreppe für Forelle und Lachs. Frisch glänzt der Fluss im Morgenlicht. Da fliegt doch tatsächlich ein Kormoran talaufwärts. Wie schön sich die Bäume heute im Wasser spiegeln. Was für ein Moment.

Der gleiche Blick eigentlich. Jedes Mal. Und jedes Mal eine Erinnerung und jedes Mal ein bisschen neu. Vertraut und frisch zugleich. Genau so geht es mir oft mit Texten in der Bibel. Komme ich an ihnen vorbei und stehe gedanklich ein wenig bei ihnen still, erinnere ich mich an Situationen, in denen sie mich konkret angesprochen haben. Wegweisung gaben oder zur Herausforderung wurden. Mein Verständnis wuchs oder meine Fragen tiefer gingen. Mir mancher Kronleuchter aufging. Meine Seele Nahrung fand. Ach, so vieles fällt mir da ein.

Und dann schaue ich einfach hin. Genieße den Heute-Blick. Lass Gott neu zu mir reden. Mir zuflüstern, wo ich wachsen kann. Erfrische mich an dem lebendigen Wasser, mit dem Gott meinen Durst nach Leben stillt. Erfreue mich an der Schönheit seines Wortes und seiner Treue. Lass meine Gedanken weiter aufwärts fliegen. Was für ein Moment.

Und deshalb werde ich jedes Mal, wieder und wieder, stillstehen.