Sitzenbleiben

Sitzenbleiben ist das neue Normal. Und es wird dringend Zeit, dass wir wieder sitzenbleiben. Sitzenbleiben zu den Füßen Jesu.

Fast 4000 Leitende aus verschiedenen Kirchen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, haben sich vom 25. – 27.08.2022 in Leipzig auf dem Willow Creek Leitungskongress Gedanken über die Zukunft von Kirche gemacht. Inspirierende Redner, mitreißende Musik, berührende Kunst, Austausch und Begegnung – und durch all das Gottes Reden, sein leises Flüstern in die Seelen seiner Nachfolger.

Kirche in Deutschland und dem deutschsprachigen Raum findet sich in einer neuen Realität wieder, die von Krisen geprägt ist. Und auch in Zukunft von Krisen geprägt sein wird. Krise ist das neue Normal. Gleichzeitig verliert Kirche ihre Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft. Kirche prägt nicht mehr, sondern ist nur noch eine Option von Vielen. Es gibt also kein Zurück mehr in das, was wir zuvor als „Kirchenarbeit“  in Kirchen und Gemeinden für sinnvoll und zielführend gehalten haben. So sehr sich das vielleicht der Eine oder die Andere wünschen mag: Diese Zeit ist vorbei. Auch wenn es uns nicht ganz leicht fällt. Auch wenn uns die Zeit der zu bewältigenden Coronakrise viel, ja manchmal zu viel Kraft gekostet hat. Auch, wenn wir noch unsicher sind, wie es werden wird. Es ist gut, dass diese Zeit vorbei ist.

Es ist gut, dass sich Kirchen nicht mehr darauf verlassen können, dass die Menschen zu ihnen kommen. Es reicht nicht mehr, einladend die Türen zu öffnen. Selbst mit dem einladendsten Konzept, dem exzellentesten Angebot, dem engagiertesten Einsatz, hat es – wenn wir ehrlich sind – eigentlich noch nie gereicht. Wir haben es bisher nur nicht so deutlich gemerkt wie jetzt. Kirchen, die ihre Türen öffnen, damit Menschen hinein gehen können, haben das Wesen von Kirche unterschätzt. Sie haben, bei all dem Guten, was Programmkirche gnädigerweise hervorgebracht hat, dennoch ihre eigentliche Mission verkannt. Das Wesen der Kirche liegt darin, die Türen zu öffnen, um dorthin zu gehen, wo ihre gute Botschaft von Gott, dem Retter, so dringend gebraucht wird: zu den Menschen, mit denen wir leben. Die Krise bringt das heilsam ans Licht.

Es scheint ein Widerspruch zu sein, dass die Antwort auf das neue Normal jetzt im Sitzenbleiben bestehen soll. Ist das nicht gerade das Gegenteil von nach Außen gehen? Sind wir nicht schon viel zu lange sitzen geblieben? Aber das Sitzen zu Jesus Füßen ist etwas anderes. Es ist bleiben und gehen in einem. Die Jünger Jesu saßen zu seinen Füßen, um von ihm zu lernen. Um ihn mehr und mehr kennen zu lernen und so zu verinnerlichen, wie sehr Gott diese Welt, jeden einzelnen Menschen liebt. Sie blieben in seiner Nähe, jeden Tag, und lernten. Aber, und das macht den Unterschied: Sie blieben nicht an einem Ort. Sie gingen mit ihm, dahin, wo Menschen waren. Sie gingen hin und sahen, wie Jesus die Bedürfnisse der Menschen sah und auf sie reagierte. Sahen, wie er Hoffnung bringt, Heilung und Leben. Und dann gingen sie selbst. „Gehet hin“, sagt Jesus. Und das taten sie.

Wir müssen also wieder zu Jesus Füßen sitzen. Durch das frische Hören auf ihn und sein Wort  können wir wieder neu lernen, wie wir statt einer „Kommt doch zu uns Kirche“ wieder eine „Wir gehen hin Kirche“ werden können.

Praktisch wird das je nach Kontext sehr unterschiedlich aussehen. Menschen und ihre Bedürfnisse sind, je nach Milieu, individuell. Darauf gilt es zu reagieren. Kirchen und Gemeinden können sich dabei vor Ort wunderbar ergänzen und kooperieren. Wir können hier viel von unseren Geschwistern aus anderen Teilen der Welt lernen. Was uns Europäer nach der – Gott sein Dank – langen friedlichen Zeit erschreckt, ist für sie Alltag. Krise und Minderheitskirche sind für sie schon lange oder schon immer das neue Normal. Brachten ihnen die Europäer einst die gute Nachricht, können jetzt sie diejenigen sein, die uns helfend zur Seite stehen, unseren Glauben zu bewahren und Menschen neu mit Gott in Verbindung zu bringen. Kirche ist und bleibt verbunden – weltweit.  Auch hier gilt es über den Tellerrand hinaus zu schauen.

Lasst uns also sitzenbleiben und neu erleben, dass die Ortsgemeinde die Hoffnung der Welt ist, weil sie Gottes gute Nachricht seiner Rettung dahin bringt, wo sie hingehört: Zu den Menschen, die hier leben und die er so liebt, dass er für sie stirbt, damit sie Leben haben.