„Du hörst uns doch, oder? Siehst du eigentlich, was hier los ist? Wir sind hier mitten im Untergang. Nein, eigentlich sind wir schon untergegangen. Es gibt nichts Schlimmeres, was uns hätte zustoßen können. Wie konntest du das nur zulassen. Wie konnte das dein Wille sein? Wir wurden ausgelöscht, geknechtet, ermordet. Unsere Kinder sind verhungert. Unseren Frauen wurde Gewalt angetan. Alles wurde zerstört. Alles. Hörst du, alles! Wer von uns überlebt hat, ist heimatlos. Weggeführt, versklavt, ausgebeutet. Und das Schlimmste ist: Wir sind selbst schuld daran. Wir sind sehenden Auges in unser Unglück gerannt. Wie sollen wir das nur aushalten? Aber du – du wirst uns nicht immer verwerfen, oder? Du bist doch immer noch der, der gerecht ist. Du hörst uns doch, Gott, oder?“
Die Klagelieder Jeremias sind nichts für schwache Nerven. Fünf Kapitel lang schreit Jeremia den ganzen Schmerz des Volkes Israel heraus. Kein Blatt nimmt er vor den Mund. Was er sagt, ist drastisch. Er beschönigt nichts und es gibt auch nichts zu beschönigen. Was dem Volk zugestoßen ist, ist entsetzlich. Sie hatten sich von Gott abgewandt und die unzähligen Versuche Gottes, sie zur Umkehr zu ihm zu bewegen, abgelehnt oder ignoriert. Hatten andere Verbündete gesucht und geglaubt, sie wären auch ohne Gott mächtig genug. Aber das erwies sich als Trugschluss. Und so kam, was kommen musste: Sie verloren das Land, das Gott ihnen gegeben hatte. Sie wurden von ihren Feinden überwältigt und diejenigen, die überlebten, wurden als Gefangene nach Babylon deportiert.
Klagelieder? Sie tummeln sich irgendwo in der Bibel zwischen den sogenannten großen und kleinen Propheten. Wir treffen sie nicht so häufig und sie fallen kaum auf. Ihr Name macht sie nicht gerade zur ersten Wahl. Wer sagt schon: „Hey, lasst uns doch mal wieder Klagelieder lesen!“ Sie sind auch selten Inhalt einer Predigt. Aber Gott hat uns mit ihnen tatsächlich ein Geschenk gemacht. Nicht nur, aber gerade mit den Klageliedern bringt Gott den menschlichen Schmerz bewusst ins Licht. Abgesehen von den Klageliedern begegnet uns Klagen öfter in der Bibel als gedacht: Auch in den Psalmen wird häufig geklagt, in Hiob sowieso und auch Jesus selbst hören wir klagen. Durch die Klagelieder entdecken wir: Gott lädt uns ein zu klagen: Unseren Schmerz, unsere Trauer, unser Leid auszusprechen. Sogar dann, wenn wir an der Situation, in der wir stecken, selbst schuld sind. Und wie viel mehr gilt es ebenso, wenn das nicht der Fall ist. Immer lädt Gott uns ein, ihm alles, wirklich alles, ungeschminkt sagen zu dürfen, an was wir leiden. Er hält das aus.
Denn viel mehr als es Gott lieb ist, sind wir selbst dann zu brav sozialisiert, wenn es uns schlecht geht und wir leiden. Wir fragen uns: Können wir wirklich so mit Gott sprechen? Wenn wir aber irgendwie glauben, wir dürften mit Gott nicht Klartext reden, wie es uns geht oder was wir denken, dann sind wir auf dem falschen Dampfer. Wir dürfen das. Und abgesehen davon weiß er es ja sowieso. Er fordert uns also auf zu klagen. Denn Klagen bringt uns und hält uns mit Gott in Verbindung. Wer klagt, wendet sich im Leid Gott zu. Wer klagt, sucht bei Gott Hilfe. Wer klagt, hat zumindest noch nicht alle Hoffnung fahren lassen. Wer klagt, erwartet noch irgendetwas von Gott. Deshalb sollen und dürfen wir klagen. Und deshalb sollen und dürfen wir uns nicht davon abhalten lassen zu klagen.
Als Jeremia in den Klageliedern im Namen seines Volkes Gott sein Leid klagt, erwartet er zum einen Gottes Aufmerksamkeit und seine Anteilnahme. „Sieh doch unser Leid!“, sagt er. Und auch wenn uns die Bibel auf die Frage nach dem Leid keine erschöpfende Antwort gibt, so zeigt sie uns doch einen Gott, der zutiefst mit und für seine Menschen leidet. In Jesus sehen wir den leidenden Gottesknecht, von dem schon Jesaja spricht und dem kein Schmerz und keine Trauer fremd sind. Gott ist ein Gott, der mit uns ist, auch im Leid. Er lässt auch die Israeliten in der Verbannung in Babylon nicht allein. Sagt nicht: „Wir sehen uns dann, wenn ihr oder die Situation sich geändert haben.“ Nein, er ist bei ihnen, auch in Babylon. Wie nah, davon erzählt uns nicht nur, aber vor allem das Buch Daniel.
Zum anderen schöpft Jeremia inmitten des Leides Hoffnung aus Gottes Gerechtigkeit: „Du bist doch gerecht“, hält er Gott vor. Wie jetzt Gerechtigkeit? Ist Leiden denn gerecht? Aber Gerechtigkeit ist in der Bibel kein juristischer, sondern ein Beziehungsbegriff. Gerecht ist, wer sich an eine Vereinbarung gebunden hat und danach handelt. Jeremia weiß: Gott ist und bleibt gerecht. Er hält an seinem Volk, an den Menschen fest, weil er es versprochen hat. Er bleibt treu, auch wenn wir untreu sind. Seine Treue und Gerechtigkeit gehen sogar so weit, dass er selbst dafür sorgt, dass wir gerecht werden können. Jesus schafft diese Gerechtigkeit, indem er selbst als Mensch ohne Schuld auf diese Welt kommt, unsere Schuld auf sich nimmt und für uns am Kreuz stirbt. Er stellt damit die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder her. Wenn wir an ihn glauben, macht uns das vor Gott wieder gerecht.
„Sieh unser Leid“ und „Du bist doch gerecht“ werden deshalb zu der Hoffnung, die wir im Leid so dringend brauchen. Nur deshalb kann Jeremia inmitten des Schreckens auch sagen: „Ja, seine Güte hört nicht auf. Sein Erbarmen hat noch lange kein Ende. Jeden Morgen erbarmt er sich von Neuem. Ich bekannte: Der Herr ist alles für mich. Deshalb setze ich meine Hoffnung auf ihn.“
Vielleicht müssen wir wieder neu klagen lernen. Uns wieder neu erlauben zu klagen. Im persönlichen Gespräch mit Gott ebenso wie gemeinsam mit den Menschen, mit denen wir unterwegs sind. Das bedeutet auch der Klage wieder mehr Raum zu geben in der Liturgie des Gottesdienstes und im Lobpreis. Wir nehmen uns etwas von Gottes Nähe, wenn wir neben Dank, Bitten, Fürbitte und Anbetung nicht auch der Klage Platz einräumen.
Dabei spielt es keine Rolle, wie groß oder klein das Leid ist, das geklagt wird. Jedes individuell empfundene Leid, egal wie schwerwiegend oder banal es uns im Verhältnis zum Leid anderer vorkommt, darf vor Gott gebracht werden. Denn er will uns ja hören. Er will ja bei uns sein in unserem Leid. Jederzeit und wo auch immer wir sind.
So werden uns die Klagelieder, trotz ihres wenig verlockenden Titels, zum unerwarteten Geschenk. Lasst es uns wagen zu klagen – badisch-salopp heißt das: Heult doch!
Nachzulesen in Klagelieder 1 – 5
Link zum Nachhören als volle Predigtversion:

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