Wutentbrannt mit mächtig Druck auf dem Kessel. Sie waren schon eher am als nur ganz kurz vor dem Überkochen. Die Situation war einfach unmöglich. Und die letzten Worte dieser sogenannten Apostel hatten die Stimmung endgültig kippen lassen. Was zu viel ist, ist zu viel! Also gab es nur eine Lösung: Weg mit ihnen. Das Maul endgültig stopfen. Nur Tote reden nicht. Da sind sie sich alle einig.
Alle? Nein, einer steht plötzlich auf und ordnet an, dass die Beschuldigten aus dem Raum geführt werden. Dann wendet er sich an die anderen Ratsmitglieder. Er spricht ruhig und reflektiert. Und er ist nicht irgendwer. Gamaliel ist angesehen. Seine Lehre wird allgemein anerkannt. Das Volk schätzt und achtet ihn. Die von ihm ausgebildeten Schüler – einer davon ist Saulus – sind vielversprechend. Gamaliel ist ein Pharisäer, der es mit dem Gesetz ganz genau nimmt. Ganz sicher keiner, den man zu den Unterstützern der neuen Bewegung, diesen Jesusjüngern, zählen durfte. Aber ganz sicher einer, der Gott und sein Gesetz – Gottes Wesen, seine Weisungen und sein Handeln kennt und ernst nimmt.
„Überlegt euch gut“, sagt er, „wie ihr mit diesen Männern verfahren wollt.“ Er erinnert seine Ratsbrüder an andere, die ebenfalls als aufrührerisch empfunden wurden und an deren vorzeitiges Ende. Sein Rat lautet deshalb: „Lasst diese Männer in Ruhe. Wenn es ihre eigenen Lehren und Taten sind, werden sie bald – wie die anderen vor ihnen – scheitern. Wenn es jedoch von Gott ist, werdet ihr sie nicht aufhalten können, und am Ende stellt ihr noch womöglich fest, dass ihr gegen Gott selbst kämpft.“
Okay, Pharisäer legten sich nicht gerne fest. Schließlich ging es darum, möglichst keine Fehler zu machen. Also lieber ein bisschen Spielraum haben als ganz falschliegen. Wie das praktisch aussehen konnte, illustriert uns – auch wenn wir hier kurz mal vorgreifen – das Ende der Geschichte: Statt die Männer zu töten, erhielten sie die in Synagogen üblicherweise als Strafe vorgesehenen Peitschenhiebe. Das waren „Einer weniger als vierzig“. Dabei betrug die Strafe eigentlich volle vierzig Peitschenhiebe. Um aber nicht zu riskieren, dass der Vollstrecker sich verzählte und mehr als vierzigmal die Peitsche schwang, ließ man lieber einen Hieb weg. Damit war man auf der sicheren Seite. So lief das.
Und doch – diese Antwort ist mehr als ein Ausweichmanöver eines Pharisäers. Sie ist bemerkenswert weise – eine kluge und richtige Einschätzung. Gamaliel hat zwei und zwei zusammen gezählt. Auch wenn er in Jesus nicht den verheißenen Retter erkannt hatte, ist ihm doch klar geworden, dass hier etwas Größeres vor sich geht. Die der Situation vorhergegangene, unerklärliche Befreiung dieser Männer – Petrus und die anderen Apostel – aus dem Gefängnis und ihr unerschrockenes Lehren im Tempel, machten ihn nachdenklich. Unwahrscheinlich, dass Leute wie sie so einflussreich und abgebrüht waren. Da war es schon eher denkbar, dass Gott seine Finger im Spiel haben könnte. Und hatten die Juden selbst Gottes Wirken nicht immer wieder wundersam in der Geschichte ihres Volkes erlebt? Wenn das auch hier wirklich der Fall sein sollte, dann, ja dann war klar, dass es durch nichts aufzuhalten war. Wenn Gott hier im Spiel sein sollte, dann stand der Gewinner bereits fest.
Was für Gamaliel eine in Betracht zu ziehende Option war, war für die Apostel sowieso schon klar wie Kloßbrühe. Hatte ihnen Jesus nicht immer wieder vom Reich Gottes erzählt, das sich unaufhaltsam ausbreitet. Und hatten sie nicht selbst gesehen, wie er unaufhaltsam vom Tod zum Leben auferstanden war, um alle zu retten, die an ihn glaubten. Und saß er jetzt nicht zur rechten Seite Gottes, um von dort am letzten Tag wieder zu kommen und alles zu vollenden und endgültig neu zu machen.
Weil sie selbst dieses unaufhaltsame Wirken Gottes erfahren hatten, hielten sie weder die Peitschenhiebe noch das vom Hohen Rat ausgesprochene Verbot, nie wieder im Namen Jesu zu sprechen, davon ab, die Botschaft in den Häusern und im Tempel zu verkünden, dass Jesus der Christus ist.
Gottes Sache ist unaufhaltsam und dass er gewinnt, das steht bereits fest – darauf und nur darauf lässt sich unser Leben bauen. Wer sich von ihm rufen lässt, hat Zukunft. Auch die, die zuvor seine Gegner waren. Von Gamaliel wird uns nichts weiter berichtet. Aber sein Schüler Saulus – der auch Paulus genannt wurde – wechselt nach einer Begegnung mit Jesus die Seiten. Was Gamaliel nur als Möglichkeit in Betracht zog, wird für Paulus zur Gewissheit. Und so wird er, statt Gott zu bekämpfen zum Verkündiger seiner guten Nachricht.
Was es bedeutet, diesem unaufhaltbaren Gott zu begegnen und zu ihm zu gehören, wird Paulus später so formulieren: „Ich danke unserem Herrn Jesus Christus immer wieder, dass er gerade mich für vertrauenswürdig erachtet hat, ihm zu dienen. Er hat mir dafür auch die Kraft geschenkt. Dabei habe ich ihn doch früher verhöhnt, ich habe Christus und seine Gemeinde mit blindem Hass verfolgt und bekämpft. Aber Gott hat sich über mich erbarmt und mir alles vergeben. Denn in meinem Unglauben wusste ich nicht, was ich tat. Umso reicher habe ich dann die Gnade des Herrn erfahren. Er hat mir den Glauben und die Liebe geschenkt, wie sie nur in der Verbundenheit mit Jesus Christus zu finden ist. Denn das steht unumstößlich fest, darauf dürfen wir vertrauen: Jesus Christus ist in diese Welt gekommen, um uns gottlose Menschen zu retten. Doch gerade deshalb war Gott mit mir besonders barmherzig. An mir wollte Christus zeigen, wie groß seine Geduld mit uns Menschen ist. An meinem Beispiel soll jeder erkennen, dass wirklich alle durch den Glauben an Christus ewiges Leben finden können. Gott aber, dem ewigen König, der unsterblich und unsichtbar ist, dem alleinigen Gott gebühren Lob und Ehre in Ewigkeit.“
Diesen barmherzigen Gott hält niemand auf – Halleluja!
Nachzulesen in Apostelgeschichte 5, 17 – 42 und 1.Timotheusbrief 1, 12 – 17

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