Da liegt sie jetzt. Lauscht nervös auf seine Atemzüge. Schläft er noch? Was wird er tun, wenn er aufwacht? Sie hat sich an alles gehalten, was ihr gesagt wurde. So richtig kennt sie sich nicht aus mit den Bräuchen dieses Volkes, aber sie vertraut dem Rat ihrer Schwiegermutter. Zusammen haben sie es bisher geschafft, die Tragödien in ihrer Familie zu überstehen. Viel ist ihnen von ihrem früheren Leben nicht geblieben. Klar ist nur: Sie fühlt sich jetzt dem Volk ihrer Schwiegermutter zugehörig. Noomis Gott ist auch ihr Gott.
Und so hat sie getan, was Noomi ihr geraten hat. Hat sich dem schlafenden Boas zu Füßen gelegt. Er hatte am Abend auf der Tenne die Gerste gedroschen. Müde nach dem langen Arbeitstag war er anschließend im Stroh eingeschlafen. Da ist sie leise zu ihm geschlichen und hat seine Füße aufgedeckt. Jetzt liegt sie da und wartet. Um Mitternacht fährt er plötzlich aus dem Schlaf hoch und sieht Rut da liegen. „Wer bist du?“ fragt er. „Ich bin Rut, deine Magd“, sagt sie, „Breite einen Zipfel deiner Decke über mich, denn du bist der Loskäufer meiner Familie.“
Ziemlich eigenartige Situation. Aufgedeckte Füße? Breite deine Decke über mich? Uns kommt das reichlich seltsam vor. Aber Boas versteht offensichtlich, was Rut meint. Denn er verspricht ihrer Bitte nachzukommen. Tatsächlich bedeutet diese Szenerie, dass Rut Boas bittet sie zu heiraten – sie davon zu erlösen eine Witwe zu sein. Das war so geregelt, dass die nächsten Verwandten eine Verpflichtung hatten, eine kinderlose Witwe zu heiraten, um ihr (und dem verstorbenen Ehemann) Nachkommen zu schaffen. So wurde nicht nur die Versorgung und die gesellschaftliche Stellung der Witwe sichergestellt, sondern auch das Fortbestehen der Familie des Mannes gesichert.
Tatsächlich kommt es schließlich zur Hochzeit. Aber bevor wir selig zum Happy End switchen, entdecken wir noch ein weiteres bemerkenswertes Detail: Den Flügel. Also kein Musikinstrument, sondern einen Flügel, wie den eines Vogels. Wieso aber Flügel? Dazu müssen wir kurz zurückblättern: Als Rut und Boas das erste Mal aufeinandertreffen – sie sammelt die liegen gebliebenen Ähren auf seinem Feld – da ist plötzlich die Rede vom Flügel Gottes. Boas hat davon gehört, dass sich Rut, eine gebürtige Moabiterin, dem Gott seines Volkes zugewandt hat. Ja, sich jetzt als Teil des Volkes Gottes versteht. Ihre Treue und ihr Einsatz für ihre Schwiegermutter haben sich ebenfalls herumgesprochen. Er sagt zu ihr: „Der Herr, der Gott Israels, unter dessen Flügel du Zuflucht gesucht hast, soll dir das vergelten und dich reich dafür belohnen.“
Der Gedanke, dass Gott wie eine Vogelmutter ihren Jungen unter seinem Flügel Zuflucht schenkt, sie schützt, birgt und bewahrt, begegnet uns in der Bibel öfter. Die Psalmbeter sprechen ebenso davon wie Jesus selbst, als er über Jerusalem klagt: „Wie oft wollte ich deine Kinder zusammenrufen, wie eine Henne, die ihre Küken unter ihren Flügeln verbirgt.“
Boas erkennt also an, dass sein Gott auch Menschen aus anderen Völkern – die an ihn glauben – als zu seinem Volk zugehörig erkennt. Und so erbittet er Gottes Segen für sie. Er wünscht ihr, dass sie Gottes Güte erfährt. Soweit so gut. Aber wenn wir genau hinschauen, dann entdecken wir eine bemerkenswerte Parallele. Wir lesen, dass Rut darum bittet, dass Boas den Zipfel seiner Decke – manchmal auch als den Saum seines Gewandes übersetzt – über sie breitet. Wörtlich heißt das aber: Breite deinen Flügel über mich aus!
Wir haben es also mit zwei Flügeln zu tun: Der Flügel Gottes und der Flügel des Boas. Und der Wunsch von Boas, dass Rut die Güte Gottes erfährt, bekommt plötzlich ein menschliches Gesicht: seines. Gott will Rut Gutes tun durch Boas. Diese Parallele zeigt uns: Gottes Güte wird Wirklichkeit, wenn Menschen in seinem Sinn zu handeln beginnen.
Diesen Gedanken finden wir in der Bergpredigt wieder, aber auch noch mal schön zugespitzt im Jakobusbrief. Hier schreibt Jakobus, dass der Wunsch nach dem Segen Gottes – in dem Fall die Versorgung mit Essen und warmer Kleidung – dem Betroffenen erst mal gar nichts nützt. Sondern erst dann, wenn der Segnende derjenige ist, der dafür sorgt, dass dem Bedürftigen geholfen wird.
Es wird zwar nicht mehr so häufig verwendet, aber wir kennen auch noch den Sprachgebrauch, wenn jemand einen anderen unter seine Fittiche nimmt. Das meint genau das gleiche: Jemanden schützen, beraten, unterstützen, versorgen, weiterbringen, ein gutes Leben möglich machen.
Das Happy End ist also nicht nur die Hochzeit und der verheißungsvolle Blick in die Zukunft, dass aus dieser Familie, die Rut und Boas gründen, eines Tages König David und noch viel später Jesus abstammen wird.
Das Happy End besteht auch darin, dass Gott die Menschen, die zu ihm gehören, beauftragt, die Flügeldecker für jene zu sein, die seine Barmherzigkeit, seine Güte und seine Hilfe so dringend brauchen. Menschliche Flügeldecker, die zum Gesicht Gottes für ihre Mitmenschen werden.
Nachzulesen in Rut, Kapitel 2 und 3, u.a. in den Psalmen PS 91,4; 17,8 ;36,8; 63,8, Mt. 5-7 (Bergpredigt), Mt 23,37 und Jakobus 2, 15 – 17

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