Da werden sie Augen machen! Aus dem Staunen nicht herauskommen. Heute, heute soll es endlich so weit sein. Er ist gespannt ihre Gesichter zu sehen. Die Freude, die sich in ihnen spiegelt. Ihr mutiges Vertrauen. Aber noch gibt es allerhand zu organisieren für ihn. Die Infos sind weiterzugeben. Er muss für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Doch er hält inne – für einen Moment. Bilder machen sich plötzlich in seinem Bewusstsein breit. Erinnerungen überfluten ihn wie eine Woge. So war es – damals. So wird es wieder sein. Unbegreiflich. Überwältigend. Und doch viel zu real für einen Traum. Lange, lange, hat er darauf gewartet.
„Heute“, sagt Josua, „werdet ihr erfahren, dass ihr einen lebendigen Gott habt. Seht, die Bundeslade, die dem Herrn der ganzen Erde gehört, wird euch über den Jordan führen.“
Und dann gehen sie los. Die Priester mit der Lade zuerst. Kaum stehen sie im Jordan, bildet das Flusswasser aus sich selbst einen Damm. Das Wasser unterhalb fließt ab. Statt einem über die Ufer getretenen Wasserlauf liegt das leere Flussbett des Jordans vor ihnen. Auf trockenem Boden zieht das ganze Volk hinüber. Jeder Einzelne spürt die Flusssteine unter seinen Füßen. Sieht den Damm aus Wasser aufgebaut stehen. Und, als alle hinüber gegangen waren, wie das Wasser wieder seinen Lauf nimmt.
Josua ist einer der wenigen, der sich erinnern kann an die Flucht aus Ägypten damals. Wie Gott schon einmal Wasser geteilt hatte – das des Schilfmeeres, um sein Volk aus der Knechtschaft in Sicherheit zu bringen. Klar kennen die anderen die Geschichte. Oft genug wurde sie erzählt während der Wüstenjahre. Heute aber haben es alle selbst gesehen, selbst erlebt, sind selbst durch geteiltes Wasser gelaufen.
Vierzig Jahre hatten sie in der Wüste verbracht, bis sie zu einem neuen Volk herangewachsen waren. Eines, das bereit war, Gottes Versprechen zu glauben und in das von ihm zur Verfügung gestellte Land einzuziehen. Und obwohl sich Gott ihnen in der Wüste immer und immer wieder gezeigt hatte, wählt er mit der Jordanüberquerung einen Weg, durch den seine Treue, sein Versprechen, für sie selbst real wird. Nicht nur erzählt, sondern selbst erlebt. Von jedem Einzelnen.
Für alle nachfolgenden Generationen wird zudem aus Flusssteinen ein Denkmal aufgerichtet. Damit später, wenn die Kinder dann fragen: „Was bedeuten euch diese Steine?“, die Israeliten antworten können: „Hier haben wir trockenen Fußes den Jordan durchquert. Gott, der Herr, hat den Fluss austrocknen lassen, wie er es am roten Meer tat. Dies tat er, damit alle Völker der Erde die große Macht des Herrn erkennen und damit ihr dem Herrn, euerm Gott, immer mit Ehrfurcht begegnet.“
Was jetzt also? Erleben oder Erinnern? Oder beides? Und warum ist das Gott eigentlich so wichtig? Schließlich sind sie doch jetzt drin in dem versprochenen Land. Läuft jetzt. Hat Gott ihnen doch zugesagt. Und das stimmt ja auch. Mit seiner Hilfe nehmen sie das Land ein. Erobern Städte, Gelände, ja ganze Landstriche. Aber das ganze Land? Nein, das nicht. Zwar wird das Land an die Stämme verteilt, aber als Josua alt geworden war, war noch ganz schön viel des verteilten Landes einzunehmen. Wieso das denn?
Im Buch Richter erfahren wir den Grund: Gott will das Volk auf die Probe stellen, damit er sieht, ob sie ihm gehorchen wie ihre Vorfahren. Er will sehen, ob sie, die erst nach dem Einzug in das Land geboren wurden, an ihm festhalten werden. Bei ihm bleiben wollen. Sich selbst mit ihm verbinden. Wer noch zu ihm gehört. Denn sobald alle gestorben waren, die noch um alles wussten, hörte Israel auf dem Herrn zu dienen, nach ihm zu fragen, ihm zu begegnen. Sie vermischten sich mit den noch übrig gebliebenen Völkern und beteten deren Götter an.
Es reicht also nicht, sich nur an Geschichten von Vorfahren, ja selbst an eigene Erlebnisse zu erinnern. Dabei ist gar nichts gegen eine gute Geschichts- und Erinnerungskultur zu sagen. Im Gegenteil. Tut nicht die Bibel genau das: uns die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählen und uns diesen Gott immer wieder in Erinnerung zu rufen. Und das ist gut. Gott will, dass wir in seine Geschichte eintauchen. Also nix gegen erinnern. Das brauchen wir auch. Das hilft uns. Aber es reicht nicht. Und Gott weiß das.
Denn Erinnerung verblasst viel schneller als uns lieb ist. Und wir sollten nicht glauben, dass wir den Israeliten da etwas voraus hätten. Ruht Glauben nur auf Berichten anderer oder auf unserer Erinnerung an mit Gott verbrachten Zeiten wird uns Gott fremd werden. Unwillkürlich entfernen wir uns von ihm und machen doch meist wieder unser eigenes Ding. Mir tut es immer im Herzen weh, wenn im Gottesdienst zum Zeugnis aufgerufen wird und dann wird von Ereignissen erzählt, die schon Jahrzehnte zurückliegen. Nicht, dass diese nicht wichtig gewesen wären – aber wenn es nichts Neues mehr zu erzählen gibt, dann sollten wir die Alarmglocken schrillen hören. Hinter Erinnerungen kann man sich prima verstecken. Man gehört doch irgendwie zu Gott. Das dachten die Israeliten auch – und beteten andere Götter an.
Aber genauso wenig will ich dem erlebnisfixierten Glauben das Wort reden. Ja, manchmal tut Gott überraschende und spektakuläre Dinge. Tut Wunder, bei denen uns der Mund offen stehen bleibt. Zeigt uns Gott so seine Macht, sind wir oft überwältigt. Aber ist es nicht auch ein Wunder, dass der Schöpfer dieser Welt sich um uns sorgt. So sehr, dass er unser Leben mit uns teilt und lieber selbst stirbt, als ohne uns zu sein. Dass er ein Gott ist, der treu ist. Der da ist, wann immer wir zu ihm kommen. Nach ihm fragen. Zu ihm schreien. Uns an ihn wenden. Er ist ein Gott, der da ist, im Hier und Jetzt. Keine Erinnerung, sondern alltägliches Gegenüber. Ganz real. Der sich täglich auf vielfältige Weise zeigt. Uns anspricht durch sein Wort. Frieden spüren oder unser Herz brennen lässt. Uns zu anderen schickt. Uns jemand anderen schickt. Zur Freude wird oder zum Trost. Uns dazu bringt vergeben zu können. Und so vieles mehr, von dem wir erzählen können.
Heute sollt ihr erfahren, dass ihr einen lebendigen Gott habt. Daran hat sich nichts geändert. Heute sollst du erfahren, dass du einen lebendigen Gott hast. Heute. Du selbst. Er ist da. Du auch?
Nachzulesen im Buch Josua, u.a. im Kapitel 3+4 sowie in Richter, Kapitel 2

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