Schafe und Hirten

„Brösel, Hildegard, Brombeer, kommt, kommt!“. Und dann kamen sie, die drei Schafe meines Bruders. Egal wo sie gerade auf der weitläufigen Weide standen, wenn sie ihre Namen hörten, kamen sie angelaufen. So ist das mit Schafen. So war das schon immer. Schafe hören auf ihren Hirten. Sie folgen ihm und er sorgt für sie. Ein wirklich idyllisches Bild. Hirte und Schafe, das ist so friedlich. Und fast automatisch poppt in uns Psalm 23 auf. Behütete Schafe – das wollen wir sein und das tut so gut. Und das ist auch gut. Richtig gut.

Aber dieses Bild von Hirten und Schafen benutzt Jesus auch als Gleichnis in einem Streitgespräch mit den Pharisäern. Vorangegangen waren schon viele Streitgespräche. Einmal hätten sie ihn deshalb sogar fast gesteinigt. Jetzt diskutierten sie heiß, wie es denn sein konnte, dass Jesus einen Blindgeborenen heilen konnte. Wer war er überhaupt und was war seine Sendung? Dieses Thema taucht in all den Streitgesprächen immer wieder auf. Woher hat er seine Vollmacht? Und hierauf antwortet Jesus mit dem Gleichnis von Hirten und Schafen. Er bezeichnet sich selbst als den guten Hirten. Und da hat es bei den Pharisäern geklingelt. Denn der gute Hirte, das war ihnen durch ihre Schriften klar, das war Gott selbst. Auch die Könige, die in Gottes Sinne handelten, wurden als gute Hirten bezeichnet. Wenn sich Jesus also als guter Hirte bezeichnet als Antwort auf die Frage, welche Vollmacht er hat, dann – ja dann heißt das, dass er Gott und König ist. Am Ende des Gesprächs sagt er es auch ganz deutlich: „Ich und der Vater sind eins“. Nicht das, was die Pharisäer gerne hören wollten, aber genau das, was er ist. Dafür ist er gekommen und dazu ruft er seine Schafe: Mit ihm in seinem Königreich zu leben.

Das ist der Punkt, die Pointe dieses Gleichnisses. Hier zeigt sich eine andere Facette des guten Hirten. Und er lenkt den Blick noch darüber hinaus. Denn er sagt auch: „Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe:“ Aber, und die Frage ist vielleicht provokant gestellt: Was bringt den Schafen eigentlich ein toter Hirte? Diese Frage beantwortet uns nicht das Gleichnis, wohl aber die Bibel als Ganzes: Jesus wird sein Leben für die Schuld der Menschen hingeben. Er stirbt am Kreuz stellvertretend als Opfer für unsere Schuld. Dieses Opfer, das die Schuld der anderen trägt, entdecken wir schon im Alten Testament beim Volk Israel. Es wurden Lämmer geschlachtet, um diese Schuld auszugleichen. Im Neuen Testament lesen wir, dass Jesus das Lamm ist, das für uns geschlachtet ist. Er ist das vollkommene Schaf, das wir sein sollten, aber nicht sein können. Er stirbt und ersteht wieder auf zu neuem Leben, damit wir auch bei Gott sein können. In Offenbarung lesen wir: „Denn das Lamm, das in der Mitte auf dem Thron ist, wird ihr Hirte sein und für sie sorgen. Er wird sie zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt. Und Gott wird ihnen alle Tränen abwischen.“ Der Hirte ist also nicht nur Hirte, sondern auch Schaf. Jesus, er ist das gute Hirtenschaf.

Aber was ist dann mit den Schafen? Sehen wir sie immer noch vor uns friedlich auf der Wiese stehen und den schönen Tag genießen. Versorgt mit allem und geschützt vor allem Bösen. Ja, genau. Das stimmt auch. Das ist Gnade. Denn nichts von dem können wir aus uns selbst heraus tun. Und trotzdem ist auch das Bild der Schafe nicht nur das Versorgtsein. Denn auch die Schafe müssen wir im Licht der Pointe des Gleichnisses ansehen. Und hier, wir erinnern uns, geht es um die Vollmacht und die Sendung, den Auftrag Jesu als Gott und König. Er ruft die Schafe zu sich. In sein Königreich. Er ruft sie in seine Nachfolge, das Reich Gottes mit ihm und durch seine Macht zu bauen. „Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch“, sagt Jesus und gibt ihnen den Auftrag: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, lehrt und tauft sie!“

Schafe des Königs sind, das wird uns spätestens jetzt klar, wie ihr Hirte Gesandte. Gesandte in diese Welt. Dietrich Bonhoeffer drückt es so aus: „Die Menschen brauchen Hirten. Christus war der Hirte, wir sollen durch ihn und wie er Hirten für die Menschen sein.“ Schafe sind also nicht nur gut versorgte Schafe als Selbstzweck, sondern sie sind Schafe, die als Hirten zu den Menschen um sie herum gesandt sind. Sie sind Schafhirten. Wenn Jesus also vom Hirten und den Schafen redet, dann redet er eigentlich vom Hirtenschaf und den Schafhirten.

Was aber heißt das für jedes einzelne Schaf und für die Herde:

Wenn du ein altes Schaf bist (und das meint nicht unbedingt das Lebensalter) und schon lange mit Jesus unterwegs bist, dann hast du schon viel mit ihm erlebt. Wahrscheinlich ist deine Beziehung zu ihm tiefer geworden. Du hast schon Schafe zu Jesus gerufen und sie gehütet. Und das ist gut so. So wichtig. Es braucht diese alten Schafe so dringend, die bezeugen können, wie gut dieser Hirte ist. Wie nah, egal ob es auf grüne Weiden oder durch ein finsteres Tal geht. Aber nicht nur das: An dir altem Schaf kann man sehen, wie es ist, wenn der Hirte Lämmchen auf dem Schoß hält oder auf den Armen trägt. Dein Vorbild und dein Kümmern als geistiges Mutter- oder Vaterschaf wird so dringend gebraucht.

Und vielleicht als Nachsatz: Auch ein altes Schaf, das sich im Laufe der Jahre aufgemacht hat eher eigene Wege zu beschreiten oder den Blick mehr auf sich selbst gerichtet hat, als ihm guttut, auch das kann sich neu von Jesus rufen und senden lassen.

Wenn du noch gar kein Schaf bist? Dann hör heute die gute Nachricht Gottes von seiner Gnade: Ich kenne dich bei deinem Namen. Ich bin in die Welt gekommen, um dich zu suchen und zu finden. Jesus sagt heute: Komm. Komm zu mir. Ich habe mein Leben für deines gegeben, damit du leben kannst. Willst du, dass ich dein guter Hirte bin? Dann komm zu mir und folge mir nach. Vertrau dich mir an. Wenn du das willst, kannst du es Gott einfach sagen. Er wird dich hören. Wenn du Fragen hast oder gerne jemanden dabei haben möchtest, suche dir ein Schaf deines Vertrauens. Schließe dich anderen Schafen an.

Wenn du noch ein junges Schaf bist? (Und auch hier geht es nicht ums Alter.) Du hast dich von Jesus rufen lassen und folgst ihm nach. Wie toll ist das denn! Wenn ein Schaf gefunden wird, ist Freude angesagt – im Himmel wie auf Erden. Freu dich an Jesus. Verbringe viel Zeit mit ihm. Vertiefe deine Freude, indem du ihn immer besser kennenlernst. Rede mit ihm. Die Bibel wird dir als Liebesbrief und Lebensbuch zur Seite stehen. Hier entdeckst du mehr, wie gut dieser Hirte ist, dem du dich anvertraut hast. Und wie dein Leben als junge Schafhirtin, als junger Schafhirte aussehen kann. Such Kontakt zu älteren Schafen, damit du von ihnen und sie von dir lernen können.

Und was heißt das für Gemeinde? Es erinnert uns wieder daran, dass wir unserem Wesen, unserer DNA nach Gesandte sind. Es stellt unser Denken heilsam auf den Kopf. Viel zu oft glauben wir erst dann gesandt werden zu können, wenn wir als Gemeinde wohlversorgt sind. Versorgt mit Predigt, mit Musik, guter Arbeit mit Kindern und was sonst noch alles wünschenswert und ja durchaus auch berechtigt ist. Tatsächlich ist es aber genau umgekehrt: Eben weil wir Gesandte sind, versorgt uns Jesus genau dadurch mit allem was wir brauchen. Denn wer Gottes Botschaft den Menschen bringt, erlebt Gottes Fürsorge, sein Handeln, hautnah. Nichts bringt uns Gott näher, als das zu erleben. Und nichts motiviert uns mehr ihn zu feiern, ihn zu loben und uns für ihn und die Menschen um uns herum einzusetzen.

Es ist die gesandte Gemeinde, die von Gott mit allem versorgt wird, was sie braucht – nicht die, die zuerst dafür sorgt, dass alles zuhause wohlversorgt geregelt ist. Zu seinen Jüngern sagt Jesus: „Kümmert euch zuerst um das Reich Gottes, dann wird euch alles andere zufallen!“

Hirte und Schafe – klang doch am Anfang so idyllisch. Aber wir sehen: Wenn der König der Welt ruft, dann sind wir mittendrin im Leben. In einem Leben, das so viel mehr für uns bereithält, als wir uns vorstellen können. Denn wenn wir dem gesendeten Hirtenschaf als gesandte Schafhirten folgen, dann sind wir versorgte Versorger.

(Nachzulesen u.a. in Johannes 10, 1 – 18 und 27 – 30, Offenbarung 7,17, Johannes 20,21 und Matthäus 28, 18 + 19)