„Auf geht´s“, sagt Paulus zu den Kolossern, „höchste Zeit, eure Garderobe auf Vordermann zu bringen! Was ihr bisher getragen habt, ist sowas von out. Passt definitiv nicht mehr zu eurem neuen Lifestyle. Also nix wie rein in die neuen Klamotten“. Und dann zählt er auf, was sie sich anziehen sollen: Mitleid und Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftheit und Geduld. Nicht zu vergessen Nachsicht, Liebe und – ganz wichtig: Vergebungsbereitschaft.
Oh Mann, denke ich. Diese Kollektion möchte ich auch gerne tragen. Das klingt ja himmlisch. Aber wo krieg ich die her? Denn selber machen, tja, das klappt irgendwie nicht so gut. Ein bisschen schon. Ich bemühe mich ja. Aber so richtig? Fehlanzeige.
Warum ist das eigentlich so? Okay, das mit dem neuen Leben anziehen, so grundsätzlich, das ist klar. Ohne Jesus führen wir ein selbstsüchtiges, nur auf uns bezogenes Leben – eben das was Paulus das alte Leben nennt. Das neue Leben bekommen wir geschenkt. Aus Gnade. Weil Jesus für uns und unsere Selbstbezogenheit und die daraus resultierende Schuld geradesteht, indem er stellvertretend am Kreuz stirbt und zu neuem Leben aufersteht. Wer das glaubt wird ebenfalls leben – das ist das neue Leben.
Aber warum kriegen wir das mit dem neuen Leben leben dann nicht so einfach hin? Wär doch ganz schön, wenn uns Jesus das all-inclusive mitliefern würde. Aber das tut er nicht und das hat zum einen mit dem freien Willen zu tun. Denn den haben wir auch in unserem neuen Leben. Und das findet Gott gut so. Er will uns nichts aufdrücken. Auch jetzt nicht. Er will uns echt. Ein echtes Miteinander. Er will es mit uns machen. Nicht er allein, sondern gemeinsam mit uns. Das gibt uns die Würde, die er für uns möchte.
Zum anderen liegt es daran, dass uns das bisherige Leben mehr geprägt hat als uns lieb ist. Unsere Verhaltensmuster, die im alten Leben gang und gäbe waren, stecken noch in uns drin. Ein gutes Beispiel, das mir dazu erzählt wurde, ist das eines Straßenkindes, das von einem gut situierten Ehepaar adoptiert wurde. Davor musste es sich jahrelang selbst im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagen. Musste stark sein, schnell sein, sich selbst verteidigen, lügen und stehlen. In der neuen Familie war das nicht mehr nötig. Es wurde geliebt und hatte alles, was es brauchte. Aber es dauerte, bis es die Verhaltensweisen ablegen und neues Verhalten erlernen konnte. Und so ist das auch bei uns: Wir sind wie dieses Straßenkind und unsere Straßenkinderherzen müssen sich erst nach und nach in Gotteskinderherzen verwandeln.
Allerdings können wir diese Verwandlung nicht selbst tun. Die gute Nachricht ist, dass Gott es tun kann. Das macht es für uns aber nicht weniger aktiv. Denn Gott will es, ja – er bleibt sich treu – er will es mit uns machen. Was also ist unser Part?
Wir sollen uns, erstens, Jesus zum Vorbild nehmen. Seine Schüler sein. Zu dem „Komm“, auf das wir gerne gehört haben, gehört untrennbar das „Folge mir nach“. Wir sollen von ihm lernen. Was würde Jesus tun? Seine Schüler zu sein erweitert unseren Blickwinkel und gibt uns Anschauungsmaterial, wie man es anders machen kann. Damit es mit dem Lernen besser klappt, gibt uns Gott außerdem seinen Heiligen Geist, den Geist Jesu. Er ist der Geist, der unsere Herzen verändern kann. Wir müssen ihn nur lassen. Er ist das leise Flüstern Gottes. Leise, nicht weil Gott es uns schwer machen will ihn zu verstehen, sondern weil er weiß, dass wir nur dann aufnahmebereit sind, wenn wir still werden. Es braucht also Raum – stillen Raum – um dem Geist die Möglichkeit zu geben, an unserer Seele zu arbeiten. Diesen Raum einzuräumen ist zutiefst aktiv und fällt uns manchmal schwerer als uns lieb ist. Dabei helfen sogenannte geistliche Übungen, die schon Jesus und seine Jünger praktiziert haben und die durch die ganze Kirchengeschichte von Nachfolgern Jesu als Teil ihres Lebens gelebt wurden.
Es gibt viele verschiedene geistliche Übungen. Die Basics sind Abgeschiedenheit, Lesen in der Bibel, Gebet, Sabbat und Schweigen. Ihnen allen gleich ist, dass sie uns in Gottes Nähe führen und ihm erlauben unsere Seele umzugestalten. Nicht ganz überraschend steckt zudem in der Bezeichnung Übung auch die dazu notwendige Regelmäßigkeit. Aber was steckt hinter diesen Basics?
Ein kurzer Einblick: Abgeschiedenheit ist die positive Einsamkeit. Wir ziehen uns von Menschen zurück, um Gott Raum zu geben. Wenn wir in der Bibel lesen, werden wir vom Wort geformt. Durch die Bibel als Liebesbrief bekommen wir einen Einblick in Gottes Herz in einer uns zugänglichen Form. Gebet lässt uns Gott in unserem Leben willkommen heißen und uns für ihn öffnen. Sabbat, der Ruhetag heißt aufhören zu arbeiten, Ruhe und Frieden einkehren lassen, sich der Heiligkeit der Zeit bewusst werden. Aber auch Freude und Feiern zu genießen. Schweigen – wenn die Seele zuhört. Diese Stille als Weg zur Ruhe. Wir entdecken, dass wir Gottes Nähe erfahren können. Vielleicht berührender und realer als wir das bisher gedacht hatten. Und wir merken, wir wollen mehr von dieser Nähe. Unsere Sehnsucht Gott immer mehr nah zu sein wächst.
Es geht also um eine geistliche Hinhaltetaktik Gott gegenüber. Indem wir uns ihm hinhalten, ihm unsere Seele hinhalten, werden unsere Herzen mehr und mehr zu den Gotteskinderherzen, die sie sein können. Und dadurch beginnen wir uns mehr und mehr so zu verhalten, wie das Paulus den Kolossern vor den Latz zu knallen scheint.
Als Unterstützung gibt es noch die Gemeinschaft der Gläubigen gratis dazu. Sich gegenseitig zu unterrichten, einander den rechten Weg zu weisen und überhaupt weise zu sein kombiniert Paulus mit dem Singen von Psalmen, Lobgesängen und vom Geist eingegebenen Liedern. Die Gemeinschaft der Gläubigen fungiert also in diesem Umkleideprozess ebenso als Ansporngemeinschaft wie auch als Schutzmechanismus. Und sie ist das Übungsfeld für die Liebe.
Und auch Petrus springt Paulus hilfreich mit einer Erklärung bei, wie das denn gehen kann mit all den Eigenschaften, die wir anziehen sollen. Er schreibt: „Aus der Ehrfurcht vor Gott entspringt die Liebe zu den Gläubigen, aus dieser schließlich die Liebe zu allen Menschen. Je mehr ihr in dieser Hinsicht vorankommt, desto mehr werdet ihr mithilfe der Erkenntnis von Jesus Christus, unserem Herrn, ein sinnvolles, auf andere ausstrahlendes Leben führen.“ Es kommt also auch auf die Reihenfolge an. Denn im jedem Fall beginnt das Anziehen der neuen Kleider immer damit, dass wir Gott Herz und Seele hinhalten. Immer und immer wieder. Und Stück für Stück verändert sich damit der Kleiderschrank unserer Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen. Das tut nicht nur uns, sondern auch allen anderen Menschen gut.
Lasst sie uns also anziehen, diese neuen Kleider. Sie sind die Meisterkollektion eines unvergleichlichen Designers. Alles, was wir dazu tun müssen, ist reine Hinhaltetaktik.
Nachzulesen in Kolosser 3,7-17 (NGÜ) und 2.Petrus 1,7+8 (NLB). Die Geschichte über das Straßenkind stammt aus dem Bibellifestream zum Epheserbrief Kapitel 2 ab Minute 25 des CVJM Schloss Unteröwisheim. Bücher über geistliche Übungen gibt es reichlich. Einen guten Einstieg gibt „Verwandelt in Gottes Nähe“ von Anders-Petter Sjödin.

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