Gedankenschnipsel Herausgeangelt

Sonntagmorgen, noch recht früh. Auf der Bahnhofsbrücke ein junger Vater mit seinen zwei Kindern. Das Baby sicher in der Bauchtrage verstaut. Ein etwas größerer Junge – vielleicht drei Jahre alt – sitzt auf dem breiten Brückengeländer. Vater und Sohn schauen fröhlich aufgeregt ins Wasser. Der Mann hat eine Leine mit einem großen Haken aus Draht in der Hand. Etwas beunruhigt, weil der Bub da so frei auf dem Geländer sitzt, werfe ich einen Blick nach unten. Ein Cityroller liegt mitten im Wasser. „Ist ihnen ihr Roller abhandengekommen?“, frage ich. „Nein“, sagt der Vater, „aber es ist doch schade, wenn er einfach so im Wasser liegt.“ Ihn mit Schnur und Haken herauszuangeln erscheint mir nicht ganz so aussichtsreich. „Ziemlich viel Wasser nach dem Gewitter und außerdem noch recht kalt, sonst könnte man hineinwaten und ihn herausholen“, kommentiere ich zugegebenermaßen wenig hilfreich. „Das Angeln selbst ist doch schon ein Abenteuer“, antwortet der Vater und wirft die Leine ins Wasser.

Ich biege mit Amy auf den Uferweg ab und schaue nochmal zurück. Sehe die beiden aufgeregt in ihre Mission vertieft. Auf der anderen Seite der Brücke steht in der Morgensonne ein wasserdicht gekleideter Angler mit Kescher im Fluss. Vom Standort der Rollerretter ist er vermutlich nicht zu erkennen, zudem sie ihm den Rücken zukehren. Ein paar Gedanken purzeln mir durch den Kopf: Geht es beim etwas Retten nicht um mehr als das Abenteuer? Statt mit einem selbstgebastelten Haken zu hantieren sollten sie lieber den Angler bitten, den Roller aus dem Wasser zu holen. Abgesehen davon beruhigt mich die  Anwesenheit des Anglers zumindest etwas in Hinsicht des Dreijährigen auf dem Brückengeländer.

Auf dem Rückweg aber staune ich: Da steht der herausgeangelte Roller angelehnt neben der Brücke, damit ihn sein Besitzer wiederfinden kann. Nur die auf der Brücke vergessene Tasche mit den Rettungsutensilien erinnert noch an das morgendliche Abenteuer der Familie. Und meine Überraschung, dass es doch geklappt hat, beschämt mich geradezu. Auch wenn meine ersten Überlegungen nicht unberechtigt waren, rückt jetzt der wesentliche Gedanke in den Vordergrund: Es braucht vor allem die Leidenschaft und die Begeisterung etwas retten zu wollen. Ohne dass sie es wussten hat Gott die Rollerretter heute Morgen für mich zum Vorbild werden lassen. Ob sie den Roller tatsächlich mit der selbstgebauten Angel aus dem Wasser gezogen haben oder ob der Angler vielleicht doch noch ins Spiel kam, ist eigentlich völlig egal.