Geheilt

Liebevoll. Erfreut. So schaut er mich an. An diesem Blick halte ich mich fest. Nicht an den abweisenden, ärgerlichen, genervten Blicken der anderen. Okay, ich hatte mich irgendwie vorgedrängelt. War mitten in ihre Veranstaltung geplatzt. VIP Position. Ganz nah dran. Quasi von oben eingestiegen. Einfach durchs Dach. Unser unschlagbares Fünferteam hat sein Ziel erreicht: Mission „Zu Jesus bringen“ erfolgreich abgeschlossen. Jetzt liege ich allein vor seinen Füßen. Hilflos, aber hoffnungsvoll. Hier, nur hier, kann mir geholfen werden. Davon sind wir überzeugt. Die Gesichter meiner Freunde schauen zuversichtlich durch das Loch im Dach. Muss ich noch sagen, was ich mir erhoffe? Aber er scheint mir geradezu ins Innerste zu schauen. Denn noch bevor ich meine Bitten vorbringen kann, spricht er aus, nach was ich mich sehne. Glück breitet sich in mir aus, bis in meine letzten lahmen Zehenspitzen. Meine Gang über uns klatscht sich ab. Die anderen Zuhörer allerdings, die sehen irgendwie nicht so glücklich aus. Im Gegenteil. Aber ihr Ärger richtet sich jetzt nicht mehr gegen mich. Es ist Jesus, der sie im Innern aufbringt.

Die Geschichte über die Heilung des Gelähmten, die uns Markus und Lukas berichten, bietet uns mehrere interessante Ereignisse und Lehren. Die Zielstrebigkeit der Freunde, die vor keinem Hindernis zurückschrecken. Ihr fester Glaube, dass dem Freund bei Jesus geholfen wird. Das Handeln Jesu in der Vollmacht Gottes. Das Sichtbarwerden von Heilshandeln. Großartig. Und am Ende nimmt der Nicht-mehr-Gelähmte seine Matte und geht auf seinen eigenen Füßen nach Hause.

Und trotzdem? Wirkt der Geheilte bei all dem nicht fast wie eine Art Statist auf uns? Passiv? Er wird gebracht. Er liegt vor Jesus. Ihm wird vergeben. Er wird geheilt. Bis dahin kommt es uns vor, als wäre er einfach ein willkommenes Demonstrationsobjekt. Seht her, Leute, so geht das! Aber genauso ist es eben nicht. Zum einen dürfen wir nicht von seiner körperlichen Unbeweglichkeit in die Irre führen lassen und daraus schließen, dass er auch geistig und geistlich unbeweglich ist. Und zum anderen würde diese Deutung dem widersprechen, wie Jesus mit Menschen umgeht. Schauen wir also ein bisschen genauer hin und entdecken in dieser großartigen Geschichte ein weiteres wunderbares Detail:

Der Gelähmte erlebt eine zweifache Heilung. Eine ganzheitliche: Seine Sünden werden vergeben – er ist wieder mit Gott verbunden. Und eine körperliche: Er kann wieder gehen. Und – darauf wollen wir jetzt unseren Fokus richten: Wir müssen davon ausgehen, dass er beides von Jesus erhofft und erbeten hat. Nonverbal, aber aktiv. Ein Gebet in Gedanken. Im Herzen vorgebracht. Er hat in Jesus Gott und seine Kraft erkannt. Denn als er vor Jesus zu liegen kommt, reagiert Jesus mit Freude: „Er freute sich, als er ihren Glauben sah“, lesen wir. Und damit meinte Jesus alle fünf. Nicht nur die vier auf dem Dach. Sondern auch den Gelähmten selbst. Der Wunsch nach Sündenvergebung, die Notwendigkeit, war ihm offensichtlich ebenso bewusst wie der Wunsch nach körperlicher Heilung. Denn nur so lässt sich die Reaktion Jesu erklären. Denn Jesus stülpt niemand etwas gegen seinen Willen über, noch benutzt er Menschen als Objekt. Stattdessen ist er allen Menschen immer vollständig zugewandt. Nimmt sie ernst. Leidet mit ihnen in ihrer Bedürftigkeit, weil er sie liebt. Fragt, was sie wollen. Heilt die, die ihre zerbrochenen Herzen zu ihm bringen. Wenn Jesus also, zur Überraschung aller anderen Anwesenden, dem Gelähmten seine Sünden vergibt, reagiert er auf dessen Bitte. Aufgrund seines Glaubens nimmt er ihn in Gottes Familie auf. „Sohn“, sagt er, „deine Sünden sind dir vergeben!“ Und so ist es auch als er ihm anschließend noch das körperliche Gebrechen nimmt.

Dem Mann ist Heil widerfahren, weil er sich mit seiner Not an Jesus gewandt hat. Und auch wenn Jesus dieses Zusammentreffen mit dem Gelähmten als Zeugnis für die Anwesenden nutzt, macht ihn das nicht zum Objekt, sondern zum Beteiligten an Gottes guter Botschaft. Denn wir sehen hier auch die liebevolle Hinwendung Jesus zu den übrigen anwesenden Menschen. Denn er will alle, auch die kritischen, gegen ihn eingestellten Pharisäer und Schriftgelehrten überzeugen, dass er der Messias ist. Dass ihnen Gott in ihm wieder nahegekommen ist und er derjenige ist, auf den sie schon so lange warten. Denn er sieht auch in ihre Herzen und weiß, wie sehr sie Heilung brauchen. „Seht her, ich bin es wirklich! Mir könnt ihr eure Not bringen. Okay, ihr könnt die Sündenvergebung nicht sehen. Aber sie ist trotzdem real. Auch für euch. So real, wie dass ein Gelähmter wieder laufen kann.“ Er lädt sie ein, ebenso wie der Nichtmehrgelähmte, geliebte Söhne und Töchter Gottes zu werden. Heilung zu empfangen für ihre Seelen.

Und tatsächlich, seine Botschaft bewegt die Menschen. Nicht nur der Geheilte lobt Gott aus vollem Herzen auf seinem Heimweg. Auch die Zuschauer erfasst ehrfürchtiges Staunen. Sie priesen Gott, lesen wir, und sagten immer wieder: „ Heute haben wir wirklich Unglaubliches gesehen.“ Dieses Unglaubliche erleben auch heute noch alle, die bei Jesus Vergebung suchen.

Nachzulesen in Markus 2, 1 – 12 und Lukas 5, 1 – 25