Darum 1

„So, bitte hier unterschreiben!“ Und das machen sie dann auch. Viele, ganz Viele. Name reiht sich an Name, reiht sich an Name. Zuerst die, die das Sagen haben: Der Statthalter, die Priester, die Oberhäupter. Dann der Rest des Volkes: noch mehr Priester, Leviten, Torhüter, Sänger und Tempeldiener und all die Bewohner der Stadt, die sich entschieden hatten wieder dem Gesetz des Herrn zu folgen. Sie alle unterschreiben, auch ihre Frauen. Und ihre Söhne und Töchter, die verstanden, um was es ging. Jeder Einzelne.

Das Dokument wird gesiegelt. Jetzt ist es amtlich. Bestätigt, beschlossen, beschworen. Sie haben einen Eid abgelegt: Ab jetzt werden sie sich wieder an das Gesetz Gottes halten. Danach leben. Sie verpflichten sich feierlich alle Gebote, Gesetze und Vorschriften des Herrn zu befolgen.

Dazu haben sie Regeln festgeschrieben, wie sie in bestimmten Situationen miteinander und ihren Mitmenschen umgehen wollen, aber vor allem, wie der Tempelbetrieb sichergestellt wird. Beides sehr konkret und praktisch ausformuliert. Sie wollen nur noch innerhalb ihres eigenen Volkes heiraten, am Sabbat strikt aufs Einkaufen verzichten, jedes 7. Jahr den Feldern eine Anbaupause gönnen und ihren Landsleuten die Schulden erlassen. Für den Tempel wird festgelegt, wer, wann, was und in welcher Menge abzuliefern hat – Geld, Holz, Obst, Gemüse, Tiere, Getreide, Wein und Öl – damit alle Opfer gebracht und alle im Tempeldiensttätigen ausreichend versorgt sind.

Den Bericht über diese Beurkundung finden wir im Buch Nehemia im Kapitel 10. Aber natürlich kommen sie nicht einfach so auf die Idee, das jetzt mal schriftlich zu machen. Es ist die Reaktion auf etwas. Der Text dieses Berichts wird von zwei Sätzen eingerahmt, die uns auf die richtige Fährte bringen: „Darum legen wir nun ein feierliches Versprechen ab und halten es schriftlich fest“, als Start des Kapitels und „Wir werden das Haus des Herrn nicht vernachlässigen“, als Schluss:

Darum. Was das „Darum“ ist, wird in den Kapiteln zuvor eindrücklich geschildert: Nachdem das Volk Israel sich von Gott abgewandt, Land und König verloren hatte und Jahrzehnte in der Verbannung in Babylon verbringen musste, hatte sich jetzt das Blatt wieder zum Guten gewendet. Gott hatte dafür gesorgt, dass die amtierenden persischen Könige das Volk zurückkehren ließen. Mit Esra und Nehemia kam in drei Rückkehrerwellen ein Teil der deportierten Bevölkerung wieder nach Jerusalem zurück, baute den Tempel und die Stadtmauer wieder auf. Nicht ohne innere und äußere Probleme, aber mit Gottes Hilfe gelang die Wiederherstellung. Aber nicht nur die Stadt, auch sie selbst erneuerten sich. Sie taten Buße, bekannten vor Gott ihre Schuld und sich neu zu ihm. Sie wollten wieder sein Volk sein. Gott hatte an ihnen gehandelt und das hatte Auswirkungen auf ihr Handeln.

Das ist der Punkt. Sie reagieren. Im Kapitel zuvor fassen die Priester in einer langen Rede zusammen, wie Gott ist und ihnen als Volk in der Vergangenheit begegnet ist:  Ewig, groß, Schöpfer von Himmel und Erde, treu, barmherzig, voll versorgender, rettender Güte, zuverlässig allezeit. Unser Gott, der seinen Bund der beständigen Liebe hält. Der den Bund der beständigen Liebe hält. Liebe. Darum gehts.

Liebe. Darum geht es auch den Unterzeichnern des Dokumentes, auch wenn die Aufzählung in dem von den Israeliten verfassten Dokument im ersten Moment eher nach einer nüchternen Vertragsregelung aussieht. Aber davon sollten wir uns nicht täuschen lassen. Weil du uns geliebt hast, Gott, wollen wir dich jetzt auch wiederlieben. Und deshalb deine Gebote und Regeln einhalten.

Gebote und Regeln einhalten als Liebesbeweis? Um das zu verstehen, müssen wir kurz auf das Gesetz schauen. Hier heute nur so viel: Das Gesetz war nie als Heilsweg gedacht, sondern als Weg, um mit Gott in Beziehung zu treten. Gott hat durch das Gesetz, das er den Israeliten gegeben hat, einen Weg geschaffen, wie sie ihm seiner Heiligkeit entsprechend begegnen konnten. Es geht also um Gemeinschaft und Beziehung. Das „Höre Israel, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott lieben, aus ganzer Seele und aus ganzer Kraft!“, das Mose dem Volk im 5.Buch Mose als Präambel und Zusammenfassung des Gesetzes mit auf den Weg gibt, fasst das zusammen.

Gott geht in Vorleistung mit seiner Liebe und schafft für die Israeliten einen Weg, mit ihm in Verbindung zu treten. Er sorgt für sie und ist ihnen nahe. Die Begegnung mit ihm löst bei den Israeliten die Liebe zu ihm aus und das Bestreben, auf diesem Weg zu gehen und zu bleiben.

„Wir wollen das Haus des Herrn nicht vernachlässigen“ ist deshalb gleichbedeutend mit: Wir wollen alles tun, um diese Beziehung aufrechtzuerhalten. Bei dir und mit dir sein. Geliebte sein und dich lieben. Gemeinschaft haben. Es soll das Wichtigste in unserem Leben sein. Du sollst der Wichtigste sein. Das versprechen wir. Denn mit deiner Liebe fängt alles an. Okay, das sagte ich schon, glaube ich.

Aber darum gehts. Mit seiner Liebe fängt alles an. Nicht nur bei Nehemia und den Einwohnern von Jerusalem vor langer Zeit. Auch bei uns. Dazu folgen wir im zweiten Teil dem roten Faden der biblischen Erzählung zu einer anderen Geschichte. Seid gespannt. Darum 2 – demnächst.

Nachzulesen in Nehemia 9+10