Darum 2

Wir folgen dem roten Faden der biblischen Erzählung zu einer anderen Geschichte. So endete der erste Teil. In ihm ging es darum, dass Gott in Vorleistung geht mit seiner Liebe und für die Israeliten einen Weg schafft, mit ihm in Verbindung zu treten. Er sorgt für sie und ist ihnen nahe. Die Begegnung mit ihm löst bei den Israeliten die Liebe zu ihm aus und das Bestreben, auf diesem Weg zu gehen und zu bleiben.

Bevor wir uns in den nächsten Teil stürzen, drehen wir aber noch eine kleine Schleife vorab: Dem roten Faden der biblischen Erzählung folgen. Was ist damit gemeint? Das bedeutet, dass das Alte Testament und das Neue Testament zusammen gehören. Sich ergänzen und vervollständigen. Das Alte Testament wurde nicht vom Neuen Testament abgelöst, sondern vervollständigt. Erfüllt. Und das Neue Testament ist ohne das Alte nicht verständlich. Beide gehören zusammen und sind verbunden. Wie sehr das zu Zeiten des Neuen Testamentes selbstverständliches Denken war, erkennen wir daran, wie Jesus und die Jünger das Alte Testament zur Erklärung herangezogen haben. Jesus erklärte den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, wer er war, aus dem Alten Testament heraus. Petrus tat es an Pfingsten und vor dem hohen Rat, Stephanus bei seiner Steinigung und Paulus in seinen Briefen. Umgekehrt lesen wir aber auch das Alte Testament mit der Sicht des Neuen, aus der Sicht der Vollendung. Was sich im Alten Testament schon schemenhaft abzeichnet, vollendet sich mit Jesus im Neuen Testament. Die Theologie nennt das Vorschattung. Man sieht schon etwas, wenn auch noch schemenhaft, von dem vollkommenen Original, das uns im Neuen Testament begegnet. Es – oder besser ER – wirft seinen Schatten voraus.

Was wir also in der Nehemiageschichte (Darum 1) gesehen haben, vollendet sich im Neuen Testament. Gott geht in Vorleistung mit seiner Liebe und schafft einen Weg ihm in seiner Heiligkeit zu begegnen.

Im ersten Johannesbrief ist das Johannes Ausgangs- und Schwerpunkt. Hier finden wir das Rote Faden Thema wieder. Johannes schreibt an eine uns unbekannte Gemeinde und sagt: Es ist Gott, der euch zuerst geliebt hat. Diese Vorleistung Gottes und der Weg dazu ist Jesus Christus. Er stirbt für die Schuld aller Menschen am Kreuz und macht damit den Weg frei für eine Beziehung mit Gott. Er schafft die Möglichkeit, Gott in seiner Heiligkeit zu begegnen und mit ihm Gemeinschaft zu haben. Wenn wir das glauben und unsere Schuld bekennen, dann ist uns vergeben. Und – weil unsere Schuld vergeben ist – lieben wir. Wer die Liebe Gottes erkennt, annimmt, ergreift – wer diese Liebe am eigenen Leib spürt, der liebt Gott dafür. Liebe löst Liebe aus.

Jesus erzählt in einem Gleichnis von zwei Schuldnern. Der eine schuldet viel, der andere weniger. Beiden wird die Schuld erlassen. Er fragt seine Zuhörer: „Wer von den beiden wird nun denjenigen, der ihnen die Schulden erlassen hat, mehr lieben?“ „Klar“, sagen seine Zuhörer, „der, dem mehr erlassen wurde.“ „Ja“, sagt Jesus, „wem viel vergeben wird, der liebt viel.“ Hier sehen wir den unmittelbaren Zusammenhang.

Darum – sagt auch Johannes im ersten Johannesbrief – lieben wir Gott. Und dann geht er noch einen Schritt weiter: Weil wir Gott lieben, lieben wir auch unsere Geschwister. Die Liebe zu unseren Geschwistern vollendet die Liebe Gottes. Es kann doch gar nicht sein, dass wir Gott lieben und die Menschen, die Gott genauso am Herzen liegen wie wir, nicht lieben. Ja, er macht sogar einen krassen Rückschluss: Wer seinen Bruder, seine Schwester nicht liebt, dann – ja, dann liebt derjenige Gott gar nicht.

Dabei ist – nicht zu vergessen  – Liebe immer praktisch sichtbar. Niemals theoretisch, niemals nur gefühlt. Das ist bei Gott so – Jesus ist keine Theorie, kein Lehrgebäude, kein philosophisches Denken, sondern war ganz realer Mensch, der für uns aus Liebe starb – so was von sichtbarer Liebe. Und das gilt auch für uns. Man kann also am praktischen Umgang mit unseren Geschwistern sehen, wie es um unsere Liebe zu Gott steht. Wow. Das ist eine starke Aussage.

Jakobus springt Johannes bei und thematisiert das in seinem Brief ebenfalls in seiner unnachahmlich deutlichen Art. Er sagt es so: „Liebe Geschwister, was nützt es, wenn jemand von seinem Glauben spricht, aber nicht entsprechend handelt? Ein solcher Glaube kann nicht retten. Angenommen, jemand sieht einen Bruder oder eine Schwester um Nahrung oder Kleidung bitten und sagt: „Lass es dir gut gehen, Gott segne dich, halte dich warm und iss dich satt“ ohne ihnen zu essen oder etwas anzuziehen zu geben. Was nützt ihnen das? Es reicht nicht, nur Glauben zu haben. Ein Glaube, der nicht zu guten Taten führt, ist kein Glaube – er ist tot und wertlos.“

Lasst uns kurz zusammenfassen: Darum ist also ganz schön vollumfänglich. Gott liebt uns und darum lieben wir ihn. Weil wir ihn lieben, lieben wir auch unsere Geschwister. Weil wir unsere Geschwister lieben, sieht man, dass wir Gott lieben. Und all das ist praktisch durch die Liebe zu unseren Geschwistern sichtbar. Das ist der Gradmesser. Krass.

Damit wir dazu fähig sind, ist der Grundausgangspunkt uns Gottes erster Liebe bewusst zu sein. Unser Leben darauf auszurichten, dass wir mit ihm in Beziehung bleiben. Der Gemeinde in Ephesus lässt Jesus sagen, dass er gegen sie hat, dass sie die erste Liebe verlassen haben. Und damit meint er nicht die Kraft ihrer Gefühle oder die Menge ihrer Schmetterlinge im Bauch. Nein, sie haben ihn verlassen, denn er ist die erste Liebe. Er hat sie zuerst geliebt.

Wie können wir das sicherstellen? Ah, stimmt, diese Gedanken machten sich doch auch die Menschen in der Nehemiageschichte? Was hilft dir? Auch etwas niederzuschreiben, auf was du in Zukunft achten willst? Oder deine Geschichte mit Gott, damit du dir vergegenwärtigen kannst, wie oft Gott schon barmherzig an dir gehandelt hat. Wie du schon seine Güte erfahren hast. Gott morgens zu begrüßen mit: „Hier bin ich, deine Geliebte/r?“ und so in den Tag starten. Schuldbekennen als positiven Akt der Liebeserneuerung praktizieren lernen. Regelmäßig Zeit mit Gottes Wort verbringen. Was immer dir hilft, in der Beziehung zu ihm zu bleiben, tue es.

Und wenn du es einfach nicht hinkriegst, deinen Bruder, deine Schwester zu lieben? Du nicht fühlst, was Gott für sie fühlt. Sie dir irgendwie egal sind, auch wenn du weißt, dass sie dir das nicht sein sollten. Und dir plötzlich Jakobus Worte in den Sinn kommen, dass es mit deiner Liebe zu Gott ja auch nicht so weit her sein kann? Dann nimm es als heilsamen Hinweis. Dann lass dich davon auf keinen Fall durch dein schlechtes Gewissen von Gott wegtreiben. Sondern nimm genau das als Einladung zur Umkehr in Gottes Arme. Gerade weil wir es aus uns selbst heraus nicht hinkriegen, ist Jesus für uns eingetreten. Nimm seine Vergebung und Liebe an – um dann selbst geliebt –  wieder neu und weiter mit und von ihm zu lernen, Menschen zu lieben. Darum – genau darum geht’s.

Nachzulesen im 1. Johannesbrief, Lukas 7, 41 – 48, Jak. 2, 14 – 17, Offenbarung 2,3