König – ernsthaft

Sie waren einfach so was von smart: gut erzogen, begabt, gebildet. Gutaussehend und dazu noch schnell von Begriff. Sie konnten die Lage gut einschätzen und das Beste daraus machen. Wo immer sie Verantwortung hatten, lief es gut. Charakterlich waren sie ebenfalls einwandfrei. Sie machten Karriere, die Jungs. Einer davon ganz besonders. Jahrzehntelang war er ganz nah an der Macht. Teil des engsten Beraterkreises, Aufsichtsratsmitglied. Er bekam Achtung und Ehre, meistens zumindest. Auch wenn er sein Leben nicht ganz freiwillig an diesem Ort verbrachte und den Stempel des Verschleppten nie ablegen konnte, war er doch unentbehrlich für seine Dienstherren.

Daniel war ungefähr 15 – 20 Jahre alt, als die Babylonier das Volk Israel besiegten und er mit anderen in die Hauptstadt der Siegermacht deportiert wurde. Sechzig Jahre diente er unter verschiedenen Königen. Auch dann noch, als Babylon selbst zur Besiegten durch die Meder und Perser wurde. Daniel hatte es drauf. Er wusste, worauf es ankommt und konnte seine Fähigkeiten perfekt einsetzen. Er war so etwas wie der Königsversteher von Babylon. Stets zu Diensten für die jeweils amtierende Majestät. Geschätzt und gewürdigt.

Fast klingt das irgendwie opportunistisch. Aber das ist es tatsächlich nicht. Denn es gab sie, die Situationen, in denen er und seine Freunde sich widersetzten. Sich weigerten, dem königlichen Gebot zu folgen. Und es lebensgefährlich wurde: Frittiert oder blutig – beides keine schönen Aussichten. Was brachte ihn dazu? Erstaunlicherweise genau das, was seinen Erfolg ausmachte: Könige zu verstehen.

Denn er hatte verstanden, dass es Könige und den König gibt. Könige, die von dem einzig wahren König eingesetzt und zu Fall gebracht wurden. Dieser einzig wahre König, das war sein Maßstab für sein Leben und sein Handeln. Und das ist es, was Daniel so besonders macht. Er nimmt Gott, den König der Könige, ernst. Ganz anders als sein Volk. Sie hatten schon lange vor der Deportation damit aufgehört, Gott ernst zu nehmen. Keine der durch Propheten überbrachten Nachrichten seiner Treue und den Folgen ihrer Untreue fand bei ihnen Gehör. Sie taten es ab und machten weiter ihr eigenes Ding. Nie hätten sie sich vorstellen können, dass ihnen buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen würde und sie ihr Land – Gods own country – verlieren würden.

Daniel nahm diesen Gott ernst und begegnete ihm deshalb ehrfürchtig. Wann immer Menschen diesem Gott und seiner göttlichen Macht begegnen und ihn ernst nehmen, dann löst das Ehrfurcht aus. Das ist die normale, angemessene Reaktion. Das Hebräische kennt keinen Ausdruck für das deutsche Wort Ehrfurcht. Es gebraucht Worte wie hohe Achtung und Scheu vor der Würde und Erhabenheit Gottes verbunden mit dem Staunen darüber, diesem heiligen Gott begegnen zu dürfen. Es ist eine angemessene Haltung des Menschen gegenüber Gott und beschreibt auch den Gehorsam gegenüber seinen Geboten.

Deshalb zögerte er im Lauf der Geschichte auch nicht, den in Babylon herrschenden Königen Gottes Wort auszurichten, wenn er darum gefragt wird. Oder ihren Anweisungen zu widerstehen, wenn sie zu einem Konflikt mit seinem Glauben an den Gott Israels führten. Er richtet sein Leben ganz nach diesem König aus. Denn er weiß: Da ist ein ernst zu nehmender Gott. Einer, der die Weltgeschicke lenkt. Dem alle Macht und Weisheit zur Verfügung steht. Das hat Daniel am eigenen Leib erlebt.

Als er in seinem Beraterjob einen Traum des babylonischen Königs deuten muss, betet er zu Gott, dass er ihm die Bedeutung zeigt. Als das geschieht, das lesen wir in Kapitel 2, rühmt er den Gott des Himmels mit den Worten:

„Gelobt sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit! Er allein ist weise und mächtig. Er ist es, der die Gewalt über die Zeiten und Veränderungen hat. Er setzt Könige ab und setzt andere Könige ein. Dem Weisen schenkt er Weisheit und den Verständigen ihren Verstand. Er enthüllt, was unergründlich ist und in der Tiefe ruht; er weiß, was im Dunkeln ist, denn wo er wohnt, ist alles Licht.“ 

Daniel ist ernsthaft ehrfürchtig. Und bevor wir uns ansehen wie das bei Daniel konkret aussieht, machen wir hier einen ganz kleinen komprimierten Einschub über das Buch Daniel. Es gehört wegen seiner prophetischen Geschichtsschau zu den am meisten beachteten und den umstrittensten Büchern des Alten Testaments. Vorneweg: Der Name Daniel bedeutet: „Gott ist mein Richter“ oder „es richtet Gott“.

Das Buch Daniel besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil (Kapitel 1 -6) enthält so berühmte Geschichten wie die wunderbare Rettung von Daniels Freunden aus dem Feuerofen, dem Traum des Königs Nebukadnezar vom großen Baum und von Daniel in der Löwengrube. Obwohl Daniel die Hauptfigur ist, geht es in diesen Geschichten im Grunde genommen um den Gott, dem Daniel dient. Jede Geschichte endet mit einer Verherrlichung des Gottes Israel durch den amtierenden König.

Der zweite Teil (Kapitel 7 – 12) enthält eine Reihe von Gesichten, Visionen, in denen Gott Daniel die kommenden Weltreiche prophezeit. Dazu gehören die Vision von den vier Weltreichen und die Prophetie von den 70 Jahrwochen. Das liest sich schon sehr spannend. Gerade mit der Deutung dieser Jahrwochen haben sich schon viele Theologen versucht, aber keine der Deutungen ist wirklich endgültig plausibel. Und das ist auch nicht das Ziel des Buches. Es ist kein Zukunftsbuch zur Berechnung der Endzeit, sondern ein Trostbuch, wie auch die Offenbarung. Beide Schriften sind in Krisenzeiten des Glaubens entstanden und für Krisenzeiten des Glaubens geschrieben.

Klar ist: Das beherrschende Thema des Buches ist die Königsherrschaft Gottes, die über den Reichen dieser Welt steht. Von Anfang an, zu allen Zeiten, an jedem Ort dieser Welt, in Ewigkeit. Über sein Volk, egal an welchem Ort es sich aufhält, aber auch über alle anderen Völker. Die Herrschaft der menschlichen Könige wird enden. Gottes Königreich aber wird ewig sein.

Das Buch Daniel hat eine ganz schöne Wucht. Deshalb besteht angesichts der krass beschriebenen Ereignisse und Visionen die Gefahr, dass man überliest, wie Daniel sich verhält, um seinen Glauben und seine Ehrfurcht, sein Vertrauen zu seinem Gott zu leben.

Aber weil diese Wortsichten jetzt schon ganz schön lang geworden sind, wird es darum im nächsten Blog gehen.

Nachzulesen im Buch Daniel