Schon längere Zeit steht es fest und in ein paar Wochen wird es dann tatsächlich soweit sein: Die kleine Kirche – in unmittelbarer Nähe zu meinem Elternhaus – wird abgerissen. Der schon lange marode und nicht mehr genutzte Sechzigerjahrebau wird einem neuen sechsgruppigen Kindergarten und dringend benötigtem Wohnraum weichen.
Die nostalgische Stimme in mir sagt: Die Glocke, die um halb sieben morgens wie abends und um halb zwölf mittags zuverlässig läutete, war dir vertraute Tagestaktgeberin. Um die Kirche herum hast du mit den Nachbarskindern Verstecken und Räuber und Gendarm gespielt. Gelegentlich musste auch das Dach des Vorbaus als eure Sternwarte an warmen Sommerferienabenden herhalten. Und in der stets offenen Kirche bist du als Kind das eine oder andere Mal gesessen und hast in der Stille und den ausgelegten Heftchen nach dem Gott gesucht, von dem du irgendwie spürtest, dass es ihn gab. „Ja“, denke ich, „so war es“.
Das leise Flüstern Gottes in mir sagt: Wie gut, dass es sie gab. Aber schau sie dir jetzt an. Ihre Zeit ist vorbei. Und das darf so sein. Auch wenn es gut und wertvoll sein kann Raum zu haben, um zu feiern, zu reden, zu beten oder Stille zu suchen. Wahr ist doch: noch nie hat ein Gebäude Kirche wirklich ausgemacht. Kirche sind immer und überall die Menschen, die zu mir gehören. Die mir und an mich glauben. Und hast du mich nicht vor allem dadurch gefunden, dass ich dir Menschen über den Weg geschickt habe, die dir von mir erzählt haben? Dich an ihrem Leben teilhaben ließen? Und durch das, was du von mir gelesen hast? Und wächst Kirche im Moment nicht gerade in denen Ländern stark, in denen Kirchenbauten überhaupt nur aus den Menschen bestehen, die Jesus nachfolgen? „Ja“, denke ich, „so ist es. Das ist es.“
Das Kirchengebäude meiner Erinnerungen wird mir fehlen. Aber Gott sei Dank ändert das überhaupt nichts daran, dass Kirche besteht – jene lebendige Kirche, für die Abriss überhaupt kein Thema ist.

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